Die dreihundert Milliarden Ernte
Ich habe Felder gesehen, die nichts mehr hergaben. Nicht weil der Boden tot war — der Boden stirbt nicht so leicht. Sondern weil jemand einen Strich auf die Karte gemalt hat, und seit diesem Strich gehört das Land anderen Händen.
In Äthiopien. In Sambia. Überall dort, wo die Belt and Road ihre Schatten wirft. Die Belt and Road Initiative, kurz BRI, ist keine Straße. Sie ist ein Versprechen, das in Yuan bezahlt wird. China hat seine Investitionen in Afrika auf über dreihundert Milliarden Dollar erhöht. Man muss diese Zahl langsam aussprechen. Dreihundert Milliarden. Das ist kein Geld mehr. Das ist eine Geographie, die umgeschrieben wird, während die Bauern noch auf ihren Feldern stehen.
Der CAD Fund wurde 2006 aus der Taufe gehoben — ein chinesisch-afrikanischer Kooperationsfonds, der inzwischen bei zehn Milliarden US-Dollar steht. Zehn Milliarden, die irgendwohin fließen. Die Frage ist nur wohin. Offiziell: Industrie, Landwirtschaft, Infrastruktur, saubere Energie. Man hört die Worte und denkt: Wer könnte etwas dagegen haben? Neue Straßen. Neue Kraftwerke. Neue Bewässerungsanlagen.
Aber auf den Feldern Äthiopiens und Sambias wächst seit Jahren anderes. Das Land, das hier vergeben wird, dient nicht dem Teller der Menschen, die darauf leben. Es dient dem Export. Was hier angebaut wird, geht in Container. Was in den Containern fehlt, ist das Brot für die Dörfer. Bauern verlieren ihren Zugang zu Land, zu Wasser, zu ihrer Lebensgrundlage. Sie werden nicht enteignet im alten Sinn — niemand kommt mit dem Richter und dem Gerichtsvollzieher. Sie werden umgangen. Durch Pachtverträge, die in Peking unterschrieben werden. Durch Strukturen, die der Beijing Consensus nennt.
Der Beijing Consensus. Das klingt nach einem Kompromiss, nach einem Weg, nach einem Dialog. Es ist das Gegenteil. Diese Entwicklungsstrategie stellt nationale Sonderwege und wirtschaftliche Prioritäten über politische Mitgestaltungsrechte. Heißt: Die Empfängerländer dürfen wählen, was sie wollen — solange sie wählen, was China vorgibt. Mitgestaltung ist ein Wort, das in diesen Verträgen nicht vorkommt. Es kommt nur vor, wenn westliche Reporter es suchen und nicht finden.
Wer profitiert? Die Liste ist kurz, und sie liegt nicht in Addis Abeba oder Lusaka. Sie liegt in Peking. China verspricht erhebliche finanzielle Unterstützung. Partnerschaften in Militär, Landwirtschaft, erneuerbaren Energien. Klingt nach Aufbau. Riecht nach Abhängigkeit. Denn jede dieser Partnerschaften erhöht die Schuldenlast des Kontinents. Schulden sind ein Boden, auf dem keine Ernte wächst. Sie sind das Gegenteil von Saatgut — sie sind die Hypothek auf die nächste und übernächste Ernte.
Ich sage nicht, dass China der einzige Spieler ist. Das wäre zu einfach, und die Wahrheit ist nie einfach. Unklar bleibt allerdings, wer in den Hauptstädten Afrikas tatsächlich verhandelt — und wer nur unterschreibt, was ihm vorgelegt wird. Klar ist hingegen: Die Wahrheit ist auch nie das, was in der Pressemitteilung steht. In der Pressemitteilung steht: Investition. In der Realität steht: Land, das einmal afrikanisch war und nun für Märkte genutzt wird, die nicht afrikanisch sind.
Die Ernährungssicherheit — das ist das Wort, das in den Konferenzräumen fällt, leise, zwischen den Sätzen über Wachstum und Entwicklung. Es fällt leise, weil es laut nicht ausgesprochen werden darf. Denn wer es ausspricht, fragt: Was nützt eine neue Straße, wenn der Bauer, der sie bauen soll, sein Feld nicht mehr bestellen darf? Was nützt ein Staudamm, wenn das Wasser, das er staut, nicht mehr die Wurzeln der Hirse tränkt?
Dreihundert Milliarden. Zehn Milliarden Fonds. Eine Initiative, die sich Straße nennt, aber Ernte meint — die Ernte anderer. Bauern in Äthiopien und Sambia wissen das. Sie müssen es nicht in Zeitungen lesen. Sie sehen es an ihren Kindern, die nicht mehr satt werden.
Was bleibt? Die Karte mit den neuen Strichen. Und die Felder, die für niemanden mehr wachsen, der sie je bestellt hat.