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Ausgeliefert und abgeschrieben: Die Pipeline, die niemand aufklären will

3. Juli 2026 — — — Hollis

Irgendwo in Genua steigt ein Mann in ein Flugzeug. Kein großer Mann. Ein Taucher, ein Handlanger, eine kleine Figur in einer großen Geschichte. Italien liefert ihn aus. Deutschland nimmt ihn entgegen.

So weit die offizielle Version.

Ich habe auf Bohrtürmen in Texas gestanden. Ich habe gesehen, wie Männer mit hartem Blick und weichen Händen an Pipelines vorbeilaufen, die Milliarden wert sind. Eine Regel aus dieser Zeit: Wer am Hebel sitzt, wird nie ausgeliefert. Wer ausgeliefert wird, hat nie am Hebel gesessen.

Die Sabotage der Nord-Stream-Pipelines war kein gewöhnlicher Akt. Das war ein Schlag gegen die Energieversorgung eines ganzen Kontinents. Das war ein Beben — in den Beziehungen zwischen Washington und Brüssel, zwischen Moskau und Berlin. Und jetzt, lange danach, kommt ein Verdächtiger aus Italien angeflogen. Und alle tun so, als wäre die Sache damit erledigt.

Erledigt ist sie nicht. Erledigt ist gar nichts.

Schauen wir auf die Karte. Gazprom plante neue Routen: Turk Stream und Nord Stream 2. Beide umgehen die Ukraine. Das war keine Laune, das war Strategie. Wer die Transitgebühren kontrolliert, kontrolliert Druckmittel. Wer Kiew umgeht, entzieht der Ukraine genau dieses Druckmittel. Aber wer profitiert, wenn beide Pipelines plötzlich auf dem Meeresboden liegen?

Da sind die geopolitischen Spannungen. Da sind die US-EU-Beziehungen, die seit Jahren an der Energiepolitik hängen. Da ist die Frage, wer ein Interesse daran hat, dass Europa nicht unabhängig von russischem Gas wird — und wer ein Interesse hat, genau das zu verhindern. Die Antworten stehen nicht in Pressemitteilungen.

Die Bundesregierung hat ihre Haltung zu Nord Stream 2 geändert. Das fällt auf. Erst wurde das Projekt politisch begraben. Dann wurde wieder gebaut, irgendwo, in irgendeinem Abschnitt. Jetzt, nach der Sabotage, nach der Auslieferung, heißt es: politische Faktoren entscheiden. Nicht Energiebedarf. Nicht Versorgungssicherheit. Politik.

Was für eine Politik?

Die Bundesregierung sagt, sie sei gegen eine Wiederinbetriebnahme. Aber es wird gearbeitet. An der Pipeline. Irgendwo wird geschweißt, geprüft, vorbereitet. Das sind Hinweise. Hinweise sind das, wovon ein Ermittler lebt.

Und jetzt die Frage, die niemand stellt: Russland könnte von der Ukraine wirtschaftliche Anreize für den Weiterbetrieb des Gastransits verlangen. Das ist kein Friedensangebot. Das ist ein Hebel. Wer den Transit kontrolliert, kontrolliert die Verhandlung. Und plötzlich liegt die Pipeline auf dem Grund der Ostsee, und niemand will sie mehr, und alle brauchen sie, und niemand will die Verantwortung tragen.

Da passt etwas nicht zusammen.

Ich sage nicht, dass der Mann aus Italien unschuldig ist. Ich sage: Die Geschichte ist zu groß für einen einzelnen Täter. Pipelines werden nicht von Tauchern sabotiert. Pipelines werden in Ministerien sabotiert. In Aufsichtsräten. In Geheimdienstzentralen.

Die internationale Zusammenarbeit, von der alle sprechen — die Auslieferung, die Koordination, die schönen Worte — das ist die Spitze. Darunter liegt Schweigen. Strukturiertes Schweigen. Schweigen, das bezahlt wird.

Ich schreibe das mit einem Bier neben der Tastatur. Bourbon würde heißen, ich will vergessen. Bier heißt, ich will wach bleiben.

Was bleibt? Ein Verdächtiger im Flugzeug. Eine Pipeline auf dem Meeresboden. Eine Bundesregierung, die ihre Meinung wechselt wie andere Leute ihre Hemden. Und eine Energiepolitik, die in Brüssel gemacht, in Washington beeinflusst und in Berlin nur noch verwaltet wird.

Wer profitiert? Das ist die Frage, die ich stelle, seit ich gelernt habe, wie ein Bohrturm riecht. Wer profitiert, wenn Europa ohne Gas dasteht? Wer profitiert, wenn Europa teures LNG kauft? Wer profitiert, wenn die alten Routen verschwinden und die neuen nicht kommen?

Folge dem Geld. Folge dem Gas. Folge dem Schweigen.

Unklar bleibt, wer hinter den Sabotageakten wirklich stand. Unklar bleibt, welche Rolle Dienste spielten, die nicht in der Akte stehen. Unklar bleibt, warum ausgerechnet jetzt, ausgerechnet so, ein Tauchgang vor die Justiz kommt.

Was ich weiß: An der Zapfsäule zahlt der kleine Mann. In Berlin zahlt er die Politik. In Genua zahlt er den Flug des Verdächtigen.

Die Frage ist nicht, wer ausgeliefert wurde.

Die Frage ist, wer nicht ausgeliefert wird.

✦ Ende des Artikels ✦
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