Gene schweigen, Mächte sprechen
Ich lese die Studie. Drei Mal. Dann das Begleitschreiben. Dann wieder die Studie.
Was bleibt: SARS-CoV-2 zeigt in seiner genetischen Geschichte keine ungewöhnlichen Veränderungen vor den Ausbrüchen. Das ist die Aussage. Sie steht in einem Meer aus widersprüchlichen Bewertungen, und sie ist — je nachdem wer sie liest — entweder ein Freispruch oder ein Versteckspiel.
Omicron, jene Variante die uns im November 2021 die Kontrolle über die Pandemie nahm, reiht sich ein in eine Vielzahl von Varianten. Besonderes Interesse. So nennt man das, wenn man nicht weiß, was man sucht. Oder wenn man nicht sagen darf, wonach man sucht.
Die Analyse, die diese Aussage trägt, umfasste unveröffentlichte chinesische Forschungsarbeiten, Sicherheitsbedenken in Laboren und genetische Auffälligkeiten des Virus. Unveröffentlicht. Das Wort wiegt schwer. Wer nicht publiziert, hat etwas zu verbergen — oder hat Angst. In Wuhan, im Jahr 2019, waren diese beiden Optionen identisch.
Der BND, jener Dienst der sich selten öffentlich äußert und wenn dann im Flüsterton, schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Laborunfalls als Ursprung von SARS-CoV-2 auf achtzig bis fünfundneunzig Prozent. Das ist keine Hypothese. Das ist ein Urteil, formuliert in der Sprache der Wahrscheinlichkeit, um keine juristische Verantwortung tragen zu müssen.
Die wissenschaftliche Gemeinschaft hält dagegen. Die Haupthypothese bleibt die zoonotische Übertragung. Direkt von Fledermäusen auf den Menschen, oder über einen Zwischenwirt. Pangolinen wurden genannt. Rattenfrösche auch. Rattenfrösche — diese armen Tiere, die niemand fragte, ob sie einverstanden sind, als Sündenböcke einer globalen Seuche zu dienen.
Die wissenschaftliche Evidenz, so heißt es, unterstütze eine natürliche Übertragung von Fledermäusen auf Menschen, möglicherweise über einen Zwischenwirt. Möglich. Wahrscheinlich sogar. Aber Evidenz ist ein dehnbarer Begriff. Wer definiert, was natürlich ist? Wer kontrolliert die Daten, die diese Definition füttern? Wer hat bezahlt, wer hat widersprochen, was wurde nicht gemessen — das sind die Fragen, die in keinem Begleitschreiben stehen.
China hat wichtige Informationen nicht geteilt. Nicht mit SAGO, nicht mit der WHO. Das ist dokumentiert. Das ist der Elefant im Labor, der nicht seziert werden darf. Solange dieser Elefant im Raum steht, bleibt jede genetische Analyse — auch jene, die keine ungewöhnlichen Veränderungen findet — eine Analyse mit fehlenden Gliedern. Man kann die Abwesenheit von Auffälligkeiten feiern oder die Abwesenheit von Daten beklagen. Beides passt in dieselbe Pressemitteilung.
Hier beginnt die Rechnung, die niemand offenlegt. Wer profitiert? China, weil das Eingeständnis eines Laborunfalls das politische System erschüttern würde — und weil das Eingeständnis einer reinen Naturübertragung die Schließung von Märkten und damit eine ganze Ökonomie bedeuten würde. Die westliche Wissenschaftsgemeinschaft, weil eine bestätigte Laborthese die Glaubwürdigkeit der eigenen Forschungsinstitutionen untergräbt. Die Pharmaindustrie, der die Herkunft gleichgültig ist, solange das Produkt seine Abnehmer findet.
Die Studie sagt: keine Auffälligkeiten im Genom. Der Geheimdienst sagt: achtzig bis fünfundneunzig Prozent Labor. Beide Aussagen schließen sich nicht zwingend aus. Ein Virus kann in der Natur entstanden und in einem Labor gehandhabt worden sein, bevor es entwich. Das ist die Hypothese der Mitte, die von beiden Seiten bekämpft wird, weil sie beiden Seiten das Monopol auf der Wahrheit nimmt.
Am Rande notiere ich, was in keiner dieser Debatten vorkommt: Frauen tragen, ihrer genetischen Ausstattung und dem Einfluss von Östrogen sei Dank, ein widerstandsfähigeres Immunsystem. Die Biologie belohnt sie dafür mit einer höheren Rate an Autoimmunerkrankungen. Es ist die alte Logik der Natur — wer viel gibt, zahlt viel. Aber wer fragt schon nach den Frauen, wenn Männer in Labors die Pipette schwingen.
Was bleibt? Eine genetische Analyse, die keine ungewöhnlichen Veränderungen findet. Ein Geheimdiensturteil, das zwischen achtzig und fünfundneunzig Prozent schwankt. Eine Wissenschaft, die natürlich sagt, während die Akten flüstern. Und ein Land, das schweigt, weil Schweigen billiger ist als Wahrheit.
Unklar bleibt, wer entscheidet, welche der beiden Erzählungen in den Geschichtsbüchern steht — und ob die Wahrheit über SARS-CoV-2 jemals ihren Weg an das Licht findet, das sie verdient.
Was kostet Schweigen, und wer bezahlt die Rechnung?