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42 Fälle. Eine Behörde. Ein Geschäft

3. Juli 2026 — — — Dr. L. Rath

Ich schreibe das nicht, weil ich glaube, dass die Nadel die Krankheit besiegt. Ich schreibe das, weil jemand eine Tafel aufstellt und sagt: Sieht her, sicher. Und ich habe gelernt, den Mann zu fragen, der die Tafel hält.

AstraZeneca. Die Weltgesundheitsorganisation. Beide stehen nebeneinander und sprechen fast im Chor. Der Impfstoff sei sicher, die Vorteile überwögen die Risiken. Das klingt wie ein Spruch aus dem Kanzelamt der Pharmazie, nicht wie ein Befund. Man wiederholt es oft genug, dann wird es zur Wahrheit. Ich kenne diese Liturgie. Ich habe sie in Konferenzräumen gehört, in denen die Arbeiterklinik ihr Budget verhandelt hat.

Zweiundvierzig Verdachtsfälle von Sinusvenenthrombose bis zum zweiten April. So die Meldung. Eine Sinusvenenthrombose ist eine Verstopfung jener Venen, die das Blut aus dem Hirn zurückführen. Sie ist selten. Sie ist oft tödlich. Fünfunddreißig dieser Fälle betreffen Frauen. Dreiundzwanzig wiesen zusätzlich eine Thrombozytopenie auf – zu wenig Blutplättchen im Blut, die Gerinnung versagt, der Körper verblutet gleichsam nach innen.

Das sind Zahlen aus Nebenwirkungsregistern, in die kaum jemand hineinsieht. Sie stehen in keiner Schlagzeile. Sie stehen in Datenbanken, zu denen der Blick durch drei Instanzen gehen muss. Ich habe diese Blicke getan, weil ich Ärztin war und weil das, was ich dort fand, kein Zufall war, sondern Kurve.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur, kurz EMA, hat festgestellt: der Nutzen überwiege das Risiko. Sie hat das festgestellt, während sie noch untersucht. Sie hat es getan, weil zwei Imperative zusammenfallen: der politische Druck, Dosen zu liefern, und der ökonomische Druck, das gelieferte Produkt nicht zu entwerten. Ich nenne keine Namen. Ich beschreibe Architekturen. Wer sitzt im Aufsichtsrat. Wer hält das Patent. Wer hat die Studien bezahlt. Diese drei Fragen beantworten jede Pressekonferenz, die nicht beantwortet wird.

Nun die Kapillarlecksyndrom-Untersuchung. So heißt nun der Befund: Flüssigkeit tritt aus den kleinsten Blutgefäßen ins Gewebe, der Kreislauf kollabiert, der Blutdruck fällt ins Leere. Ein anderes Krankheitsbild als die Sinusvenenthrombose. Verwandt im Mechanismus. Das Gefäß wird undicht. Ob ein Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Serum bestehe, werde geprüft – so der Sprachschritt der EMA. Geprüft. Während die Prüfung läuft, wird weiter geimpft. So sieht das aus in Brüssel.

Ein Widerruf der bedingten Zulassung in Europa – er ist durch das zuständige Gremium gar nicht möglich. So die Rechtslage. Das heißt: der Impfstoff behält seine Marktberechtigung, bis ein Verfahren sie ihm nimmt. Umkehrung der Beweislast im Zeitlichen. Erst verimpfen. Dann prüfen. Dann vielleicht zurückziehen. Die Bewohner Europas sind Versuchspersonen einer Studie, deren Studienleitung wechselt, je nachdem, was sich als günstiger verkaufen lässt.

Wer entscheidet? Die EMA. Ob und unter welchen Bedingungen weiter geimpft wird. Das ist kein medizinischer Befund. Das ist ein Geschäftsbeschluss im Gewand einer Sicherheitsbewertung. Bedingungen sind Preisschilder. Sie lauten zum Beispiel: nicht für Frauen unter einem bestimmten Alter. Oder: nur nach ausführlicher Aufklärung. Oder: nur, wenn kein anderes Serum greifbar ist.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt derweil, beim Impfstoff zu bleiben. Auch für die Zweitimpfung keinen Wechsel, weil die Daten für Kreuzimpfungen nicht ausreichen. Das klingt nach Vorsicht. Es klingt auch danach, dass eine Empfehlung getroffen wird, ohne die Studien zu haben, die sie bräuchte. Empfehlung ohne Beleg. Das ist keine Vorsicht. Das ist Durchhalteparole, formuliert im Bürokratendeutsch der Weltgesundheit.

Ich schreibe das nicht, weil ich glaube, dass das Serum Gift ist. Ich schreibe das, weil ich in Beipackzettel geschaut habe, die niemand liest, und in Geschäftsberichte, die alle lesen sollten. Was ich dort finde, ist nicht das Böse. Es ist das Geordnete. Es ist das Verfahren, das so gebaut ist, dass die Frage nach dem Verfahren selbst nie gestellt wird.

Zweiundvierzig Meldungen, die wahrscheinlich mehr sind, weil jedes Meldesystem nur die Spitze einer Kurve sieht. Fünfunddreißig Frauen, deren Schicksal jetzt Aktenzeichen ist. Eine Behörde, die nicht widerrufen kann, was sie zugelassen hat. Eine Organisation, die empfiehlt, ohne die Studien zu kennen, die sie empfehlen müsste. Ein Unternehmen, das verteidigt, was es verkaufen muss.

So sieht die neue Medizin aus. Sie sieht aus wie die alte. Nur das Logo ist eleganter geworden und das Licht in den Konferenzräumen weicher.

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