Der Merger, der das Feld verschluckt
Sechs Buchstaben. Vier Konzerne. Sechsundsechzig Prozent.
In dieser Reihenfolge liegt die neue Ordnung des Ackers. Bayer schluckt Monsanto. Was bleibt, ist kein Unternehmen mehr, sondern eine Wetterfront, die entscheidet, was auf unseren Teller kommt und was nicht. Ich schreibe das nicht aus der Stadt. Ich schreibe es von einem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich weiß, wie Weizen riecht, wenn er noch Hoffnung ist. Und ich weiß, wie er riecht, wenn er stirbt.
Die Fusion, von der die Zeitungen reden, macht aus Bayer den weltgrößten Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Das ist keine Nachricht aus der Wirtschaft. Das ist eine Nachricht aus dem Boden. Wenn ein einziges Unternehmen entscheidet, welches Korn im Frühjahr in die Erde darf, dann hat das nichts mehr mit Markt zu tun. Dann hat es mit Macht zu tun. Mit der Macht, eine ganze Saison zu diktieren, bevor der Pflug überhaupt angesetzt wird.
Die Marktkonzentration steigt. Vier Unternehmen, heißt es, werden künftig sechsundsechzig Prozent des Weltmarktes kontrollieren. Sechsundsechzig. Ich schreibe diese Zahl zweimal hin, weil sie es zweimal wert ist. Was bedeutet das für einen Bauern in der Provinz, der sein Saatgut bisher noch selbst vermehren konnte? Es bedeutet: Der Nachbar pflanzt patentiertes Korn, der Staat duldet es, der Händler verlangt es, und am Ende zahlt der Hof den Preis für eine Entscheidung, die in einem Sitzungssaal in Leverkusen getroffen wurde.
Monsanto war eines der ersten Unternehmen, das Biotechnologie auf das Feld brachte. Man hat das Fortschritt genannt. Ich habe das anders erlebt. Biologische Patente, mit denen Forschungs- und Entwicklungskosten gedeckt werden sollen, sind in Wahrheit ein Vertrag, der dem Bauern untersagt, einen Teil seiner eigenen Ernte wieder auszusäen. Was die Großmutter noch Wirtschaften nannte, nennt das Patentamt nun Verstoß. Das Europäische Patentamt erteilt Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen, obwohl die Institutionen der Europäischen Union dies ablehnen. Es bleibt die offene Frage, warum eine Behörde Patente ausstellt, die eine andere Behörde für unrechtmäßig hält. Es bleibt die Frage, wer hier wem gehorcht.
Dann ist da Roundup. Das Herbizid, um das sich die Gerichte dieser Welt seit Jahren ziehen. Bayer steht vor zahlreichen rechtlichen Herausforderungen wegen Umweltverschmutzung und Gesundheitsproblemen, die mit Monsanto-Produkten in Verbindung gebracht werden. Ich will keine Urteile fällen, die nicht gefällt sind. Ich will nur darauf hinweisen, dass eine Fusion, die inmitten solcher Verfahren vollzogen wird, kein Zeichen von Stärke ist. Es ist das Zeichen eines Unternehmens, das sich groß genug kauft, um die Anklage zu überleben. Das ist kein Markt. Das ist ein Schutzschild.
Die intensive Lobbyarbeit Monsantos hat Spuren hinterlassen — in Kammern, in denen Zulassungen entschieden werden, in Redaktionen, in denen über Gentechnik geschrieben wird, in Ministerien, die das Wort Vorsorge langsam verlernen. Umweltschützer warnen, dass die Fusion den Druck auf die Bauern erhöht, Produkte der Großen zu kaufen, und dass die Politik beeinflusst wird, damit gentechnisch veränderte Pflanzen leichter zugelassen werden. Ich schreibe diese Sätze ohne Pathos. Ich schreibe sie, weil ich gesehen habe, wie ein Hof nach dem anderen aufgibt, weil er nicht mehr mithalten kann gegen Preise, die nicht der Markt macht, sondern der Konzern.
Es ist die Frage zu stellen, wer hier profitiert. Die Aktionäre, sicher. Die Berater, die diese Fusion in trockene Zahlen gegossen haben, sicher. Aber der Bauer? Die Erde? Das Brot? Wenn ein Konzern Saatgut, Pestizid und Beratung aus einer Hand liefert, dann ist der Hof keine Wirtschaft mehr. Dann ist er ein Kunde. Und ein Kunde hat keine Wurzeln. Ein Kunde hat einen Vertrag.
Leverkusen hat sich ein Erbe gekauft, das nach Glyphosat schmeckt. Die Verfahren werden nicht enden mit der Übernahme. Sie werden unter neuem Namen weiterlaufen, länger, teurer, unübersichtlicher. Das ist die Strategie: nicht gewinnen, sondern durchdauern.
Was bleibt, ist die Erde. Die Erde bleibt. Und die Frage, wem sie gehört, wenn die Ernte eingefahren ist.