Vom Spaten zur Bilanz: Die neue Landnahme im Schatten des Klimas
Ich habe als Kind gelernt, dass der Boden ehrlich ist. Er trügt nicht. Was du ihm gibst, das gibt er zurück — oder er nimmt es dir, ohne zu fragen, warum. Ich habe aber auch gelernt, dass die Menschen, die über ihm sitzen, sehr wohl trügen können. Und darum muss ich wieder hinsehen. Hinsehen, wie man eine Furche prüft: langsam, mit der Hand.
Es gibt eine neue Landnahme. Sie kommt nicht mehr mit Soldatenstiefeln über die Hecke. Sie kommt in Aktendeckeln. Sie trägt den Namen Kohlenstoffausgleich, Klimaneutralität, grüne Bilanz. Sie wird kaum erfasst, weil sie über die Köpfe der Felder hinweg geschrieben wird. Was einst Ackerland war — Humus, Wurzeln, die schwieligen Hände derer, die ihn bestellt haben —, das wird heute zu einer Position auf einem Papier, das niemand zu Gesicht bekommt.
Agribusiness-Konzerne greifen tiefer. Sie legen die Hand auf Land, auf Wasser, auf Saatgut, auf jede Ressource, die sich rechnen lässt — und verschärfen damit genau jene Knappheit, von der sie behaupten, sie bekämpfen zu wollen. Sie verdichten die Besitzverhältnisse, weil Verdichtung Macht ist. Wo einst fünfzig Höfe eine Region ernährten, stehen heute drei Verwaltungssitze, und der Ertrag fließt dorthin, wo die Bilanz es vorsieht.
Landgrabbing hat sich diversifiziert, schreiben die Berichte — ein höfliches Wort für: Es ist schwerer zu sehen geworden. Die neuen Formen sind weniger offensichtlich. Kohlenstoffausgleichsschemata sind ihr Paradebeispiel. Ein Stück Acker wird nicht mehr gepflügt, sondern stillgelegt. Der Bauer wird zum Pächter seines eigenen Bodens, im Dienst eines Versprechens, das jemand anderes auf einem anderen Markt verkauft. Die Praxis führt zu einer Konzentration, die sich kaum noch zurückdrehen lässt. Kleinbauern werden verdrängt — nicht durch eine Kündigung, sondern durch eine Pacht, die sie nicht mehr zahlen können, durch Wasser, das woanders hin fließt, durch Saatgut, das sie nicht mehr selbst in die Erde bringen dürfen.
Die Maria Group aus dem Libanon gehört zu denen, die zuschauen und zupacken. Sie erwirbt große Landflächen in Europa und anderen Regionen, um Agrarprodukte zu produzieren. Das klingt nach Geschäft, und Geschäft ist Geschäft. Aber hinter dem Geschäft steht eine Struktur: internationale Investoren, die dort kaufen, wo die Aufsicht dünn ist und die Sprache der Eigentümer eine fremde bleibt. Es ist die alte Mechanik in neuer Verkleidung — und genau deshalb sieht man sie so selten.
Während die einen Land kaufen, spekulieren die anderen mit Werten, die mit dem Boden nur noch entfernt zu tun haben. Mubadala Investment, ein Staatsfonds, hat seine Position in IBIT — einem börsengehandelten Produkt — im ersten Quartal 2026 um 15,9 Prozent erhöht. Eine strategische Nutzung des Kursrückgangs, sagen die Fachleute. Was aber hat ein solches Papier mit einem Acker zu tun? Mehr, als man auf den ersten Blick meint. Es ist dieselbe Logik: Kapital sucht Boden — und wenn es keinen findet, erfindet es sich welchen. In Zertifikaten, in Versprechen, in künstlicher Knappheit. Unklar bleibt, wer hinter diesen Bewegungen wirklich steht, wer die Verträge gegenzeichnet, wer am Ende den Hunger der anderen in eine Rendite umrechnet.
Afrikanische Staaten, besonders die erdölexportierenden, bauen eigene Staatsfonds auf, um Rohstoffeinkünfte besser zu verwalten und zu investieren. Eine vernünftige Idee. Doch jeder Fonds, der nicht von unabhängigen Leitungsgremien kontrolliert wird, wird zur Beute. Korruption ist kein Unfall — Korruption ist Struktur. Wo Transparenz fehlt, da sitzt derjenige am Tisch, der den Stift hält, und die Tinte trocknet schnell.
Ich sage das nicht, weil ich die Stadt hasse. Ich sage es, weil ich gesehen habe, wie eine Ernte stirbt. Nicht dramatisch. Nicht laut. Still, wie ein Feld im August, das nach Wasser schreit und keines bekommt. Die Landnahme von heute hat keine Klingen mehr, die in der Sonne blitzen. Sie hat Tabellen. Sie hat Klauseln in Verträgen, die kein Bauer liest, weil er sie nicht lesen darf. Sie hat Klimazertifikate, die über Äcker gelegt werden wie Glasglocken, unter denen nichts mehr wachsen darf — damit irgendwo auf einem anderen Kontinent eine Bilanz stimmt und ein Versprechen eingelöst wird, das niemand geschrieben hat.
Was bleibt, ist die Erde. Sie liegt unter allem — unter den Papieren, unter den Fonds, unter den Bilanzen, unter den Zertifikaten, die wie Schutz aussehen und doch nichts schützen als den Gewinn derer, die sie ausstellen. Sie wird das alles überdauern. Nur tragen wird sie nicht mehr alles, wenn wir weiter so mit ihr umgehen, als wäre sie ein Posten, den man abschreiben kann.