Chimären, Dollars, Schweigen
Die Pfeife glüht. Auf dem Schreibtisch liegt eine Akte, dicker als sie sein sollte, dünner als sie sein müsste. Wuhan. Ein Institut. Ein Konto.
Beginnen wir mit dem Geld. Denn Geld lügt nicht, auch wenn es sich anstellt. Die Forschung am Wuhan Institute of Virology wurde teilweise durch US-Finanzierung ermöglicht. USAID schickte Dollars über die EcoHealth Alliance — eine amerikanische NGO, die sich als Brücke zwischen den Kontinenten inszeniert und in Wahrheit ein Zahlungskanal ist. In Wuhan bastelten Forscher an chimären Viren. Hybridwesen aus Erbgut-Fragmenten, zusammengenäht wie Frankensteins Mantel. Die Frage, die sich jeder Genetik-Praktikant im dritten Semester stellt: Ist das Gain-of-Function? Ist das jene Forschung, die Viren gefährlicher macht, als die Natur sie schuf? USAID sagt nein. EcoHealth sagt nein. Die Klassifizierung sagt vielleicht. Wer profitiert von diesem Vielleicht?
Deutsche und US-Geheimdienste vermuten, dass COVID-19 durch einen Laborunfall in Wuhan entwichen ist. Das sind keine Verschwörungstheoretiker in Kellern, sondern Leute, die Dokumente lesen und Telefonate mithören. Sie sagen: Hinweise. Sie sagen: versehentlich. Sie sagen: Forscher könnten sich infiziert haben. Das ist der schlimmste Satz in der Wissenschaft — „versehentlich infiziert". Ich habe Kollegen gesehen, die sich an Pipetten stachen. Ich habe Labore gesehen, die danach nie wieder dieselben waren.
China schlägt zurück, und das Manöver ist alt. Peking wirft den USA vor, die Ursprungsforschung zu politisieren und die eigenen frühen COVID-19-Fälle zu verschleiern. Ein perfekter Spiegel — beide Seiten werfen sich vor, was sie selbst tun. China hat eine umfassende Untersuchung durchgeführt — durchgeführt natürlich von wem? — und stuft die Laborleck-Theorie als extrem unwahrscheinlich ein. Eine Untersuchung, deren Ergebnis vor der Methodik feststand, ist keine Untersuchung. Sie ist ein Auftrag.
Die Lab-Leak-Theorie ruht auf vier Pfeilern. Zwei davon kennen wir mit Namen: Die Nähe des Wuhan-Labors zum Ausbruchsort — in der Epidemiologie kein Detail, sondern ein Verdacht. Und die Forschung an genetisch veränderten Viren — was, wenn nicht das, hätte in einem Labor geschehen sollen, das später zum Epizentrum wurde? Die anderen beiden Pfeiler stehen im Halbdunkel der Indizien; unklar bleibt, welche Beweise dort wirklich tragen.
Es gibt eine Autorin — die Pfeife glüht weiter — die argumentiert, COVID-19 weise viele Ähnlichkeiten mit anderen zoonotischen Viren auf. Fledermaus. Zwischenwirt. Sprung über die Artgrenze. Menschliches Design sei für seine Verbreitung nicht notwendig. Sie hat recht, und sie hat unrecht zugleich. Natürlich muss ein Virus nicht designt sein, um zu töten. Aber ein Virus, das in einem Labor wächst, in dem genau diese Spike-Proteine untersucht werden, hat eine Geschichte, die kein Wildmarkt in Wuhan erzählen kann.
US-Präsident Trump und andere US-Sicherheitskreise halten die Labor-Theorie für möglich und planen eine gründliche Untersuchung. Man darf das bezweifeln — gründliche Untersuchungen sind in der Politik ein Oxymoron, vergleichbar mit „militärischer Intelligenz" oder „frischer Logistik". Aber die Richtung stimmt. Eine Untersuchung, die nicht ermittelt, ist keine.
Was bleibt? Eine Struktur, älter als das Virus selbst. Forschung, die sich als Friedensforschung verkleidet. Geld, das von einer Demokratie in ein Land fließt, das mit derselben Demokratie um die Vorherrschaft im Pazifik ringt. Eine NGO, die zwischenstaatliche Wissenschaft ermöglicht, damit sie später sagen kann, sie habe sie ermöglicht. Hinweise. Versprechen. Schweigen.
Wer also profitiert? Die USA, weil sie endlich einen Schuldigen haben, der nicht im eigenen Land liegt. China, weil jede westliche Anklage den eigenen Bürgern als Beweis dient, dass der Westen China hasst. Die Wissenschaft, weil Gelder fließen — solange das nächste Virus noch nicht da ist. EcoHealth, weil Nichtregierungsorganisationen in Grauzonen gedeihen wie Schimmel in feuchten Labors.
Die Pfeife ist aus. Die Akte bleibt offen. Und die Frage, die ich nicht beantworten kann, weil sie mir niemand beantwortet: Wenn USAID wusste, dass in Wuhan chimäre Viren entstehen, und wenn die Klassifizierung als Gain-of-Function eine Frage der Buchhaltung war — wer hat dann eigentlich das Virus gezüchtet, und wer hat es nur bezahlt?