Die zehnte Pille ist eine Lüge
Es gibt ein Kind. Sein Name tut nichts zur Sache. Es liegt auf einer Bahre in einer Klinik die nach Desinfektionsmittel riecht und nach arm. Seine Mutter hat das Antibiotikum auf einem Markt gekauft, weil die Klinik keine Vorräte hat. Auf der Packung steht der Wirkstoff. Enthalten ist weniger als nötig. Mehr Stärke als erlaubt. Ein Restzucker der die Schleimhaut verätzt. Das Kind stirbt nicht an der Krankheit. Es stirbt an der Pille.
Etwa jedes zehnte Medikament in den Entwicklungsländern ist minderwertig oder schlicht gefälscht. Das ist keine Schätzung von Aktivisten, das ist die Zahl der Weltgesundheitsorganisation. Zahllose Tote pro Jahr. Eine Zahl so groß dass sie nicht mehr wehtut. Sie wurde deshalb zur Statistik.
Ich sage es anders: Die zehnte Pille ist eine Lüge. Sie lügt die Patienten an. Sie lügt den Ärzten etwas vor. Und sie lügt den Erregern, die in dieser halben Dosis nicht sterben sondern lernen.
Denn hier beginnt die wahre Infektion. Minderwertige Antibiotika sind die Brutstätten der Resistenz. Eine Dosis die den Erreger nicht vollständig abtötet, lässt jene überleben die am widerstandsfähigsten sind. Diese überleben, vermehren sich, geben ihre Widerstandskraft weiter. So entstehen die Stämme gegen die wir in zehn Jahren keine Waffe mehr haben werden. Es ist ein Krieg der mit halber Munition geführt wird. Der Feind lernt jeden Tag dazu.
Wer verdient daran? Wer schweigt? Das sind die Fragen die ich stelle, in jedem Aktenschrank, an jedem Werktag. Das Patent liegt nicht beim Erkrankten. Die Studie liegt nicht im Wartezimmer. Der Aufsichtsrat sitzt nicht im Dorf.
Hören wir auf die Armen, dann hören wir bald auf die Reichen. Denn das Substandard ist keine exotische Krankheit. Es ist ein Exportartikel. Es kommt zurück.
In den Apotheken der Industrieländer, hinter den Siegeln und Zertifikaten, müssen in mehreren Fällen Generika des ADHS-Mittels Adderall zurückgerufen werden. Fehlbeschriftungen. Unbekannte Verunreinigungen. Wirksamkeit nicht garantiert. Eine Pille die Kindern helfen soll klarzudenken, kommt ohne klares Innenleben. Wer nimmt das? Wer trägt die Folgen? Immer dieselben. Die Patienten. Die Schwächsten der Kette.
Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach ADHS-Medikamenten. Diagnosen werden häufiger gestellt, häufiger verschrieben. Die regulatorischen Schranken, eigentlich zum Schutz gedacht, werden zum Engpass. Die Knappheit wächst. Engpass bedeutet: verzweifelte Patienten. Verzweiflung bedeutet: Substitution.
Hier kommt Bronkaid ins Bild. Frei verkäuflich. Apothekenregal. Eigentlich ein Asthmamittel. Es enthält Ephedra. Ephedra setzt Adrenalin und Dopamin frei — die gleichen Neurotransmitter die Adderall stimuliert. Wer Bronkaid als Aufputschmittel nimmt, der spielt mit dem Herzrhythmus, mit dem Blutdruck, mit dem Tod. Wer es verkauft ohne zu prüfen wofür, der spielt mit der Ethik. Die Pharmakologie kennt keine Gnade mit denen die sie missachten.
Die Kette ist kurz und grausam: Knappheit bei legitimen Medikamenten. Druck auf Patienten. Wechsel zu Ephedra-Präparaten oder Schwarzmarkt. Missbrauch von Rezepten. Mehr Druck auf reguläre Hersteller. Mehr Eile in der Produktion. Weniger Kontrolle. Substandard. Verunreinigungen. Rückrufaktion. Neue Knappheit. Der Kreis schließt sich.
Die Pharmakologie hat parallel eine gute Nachricht: Vonoprazan, ein neuerer Säureblocker, war in der Erhaltungstherapie der Refluxkrankheit über sechs Monate dem älteren Lansoprazol nicht unterlegen. Vergleichbare Sicherheitsprofile. Das ist eine Studie die zählt. Sie zeigt: es gibt Alternativen. Sie zeigt auch: wir entscheiden nicht nach Wirksamkeit, sondern nach Markt. Wer hält das Patent auf Vonoprazan? Wer hat die Vergleichsstudie bezahlt? Welche Sitze im Aufsichtsrat der herstellenden Firma gehören wem?
Diese Fragen schreibt mir kein Auftraggeber vor. Ich stelle sie trotzdem.
Was ich sehe ist eine Struktur. Sie hat drei Säulen. Die erste: Lieferketten die über Kontinente laufen, deren Endkontrolle in den Produktionshallen liegt, deren Aufsicht in den Hauptstädten nur das Etikett prüft. Die zweite: eine Regulierung die den Zugang zu legitimen Medikamenten verengt und damit die Nachfrage nach Substituten erzeugt. Die dritte: eine Pharmaindustrie die Knappheit als Preistreiber nutzt und gleichzeitig die Qualitätskontrolle auslagert an die billigsten Subunternehmer.
Vertrauen ist die Währung dieses Systems. Es wird seit Jahren ausgegeben ohne erneuert zu werden. Die Armen in den Entwicklungsländern besaßen es nie. Die Mittelschicht in den Industrieländern verliert es gerade, Rückruf für Rückruf, Engpass für Engpass.
Wenn das Vertrauen stirbt, stirbt die Medizin. Nicht weil die Ärzte aufhören zu heilen. Sondern weil die Patienten aufhören zu glauben dass die Pille in der Schachtel das hält was auf dem Etikett steht.
Die stille Pandemie heißt nicht Resistenz. Sie heißt Misstrauen. Und Misstrauen ist ansteckender als jeder Keim den wir je gezüchtet haben.