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95 Prozent in zwölf Monaten: Die Anatomie der Notfallzulassung

3. Juli 2026 — — — Dr. L. Rath

Ich öffne den Aktendeckel und finde, was ich erwartet habe: eine Notfallzulassung, datiert auf den Tag, an dem die Kassen klingeln sollten. BNT162b2, so der kryptische Name des Präparats von Pfizer und BioNTech, trat seinen Siegeszug an, ohne den Weg zu gehen, den ein Impfstoff üblicherweise gehen muss. Zehn Jahre klinische Phasen. Fünfzehn Jahre Prüfung. Dann ein Wirksamkeitswert von 95 Prozent, in den Akten der FDA hinterlegt wie ein Schuldschein über fällige Gewinne. Auch die EU zog nach, im Gleichschritt, als wäre die Wissenschaft eine Bahnsteigkarte.

Dass die FDA den Stoff für den Notfallgebrauch freigab, war keine medizinische Entscheidung allein. Es war eine betriebswirtschaftliche. Die Pandemie lieferte den Vorwand, den die Pharmaarchitektur brauchte, um Verfahren abzukürzen, die sonst jeden neuen Wirkstoff an die Kandare langer Sicherheitsprüfungen legen. Der Ausnahmezustand wurde zur Regel. Die Regel wurde zum Geschäftsmodell.

Die mRNA-Technologie ist keine Erfindung der Stunde. Sie wurde seit Jahrzehnten erforscht, finanziert von öffentlichen Stellen und privaten Stiftungen, verschlafen von der Industrie, weil sich mit ihr zu Beginn kein Patenthonig pressen ließ. Dann kam das Virus. Und mit ihm die Stunde derer, die ihre Laborbücher bereits parat hatten. 95 Prozent Wirksamkeit — die Zahl steht in jedem Geschäftsbericht. Sie steht in keinem Beipackzettel dieser Welt. Denn der Beipackzettel, der die Wahrheit über die seltenen, aber schweren Nebenwirkungen aussprechen müsste, kommt später. Er kommt immer später.

Schauen wir in die Akten: Die FDA hat die Warnhinweise für den Janssen-Impfstoff aktualisiert. Myokarditis. Perikarditis. Entzündungen des Herzmuskels, Entzündungen des Herzbeutels. Selten, sagen die Hersteller. Selten, sagt die Behörde. Selten ist ein Wort, das in keiner Krankenakte steht. Es ist ein Wort aus den Pressemitteilungen. Ich kenne den Unterschied.

Auch über die Diagnostik wird geschwiegen, wo geschwiegen werden kann. Die Omikron-Variante legt offen, wie dünn das Netz der Testarchitektur wirklich ist. RT-PCR-Tests, die nur einen Teil des N-Gens untersuchen, erkennen das Virus nicht mehr zuverlässig. Der DTPM-Test von Tide Laboratories, gebaut auf der Annahme stabiler Erbinformation, fällt durch dieses neue Sieb. Die FDA weiß es. Die FDA arbeitet mit den Herstellern. Die FDA sagt: Tests, die mehrere Ziele gleichzeitig untersuchen, sind weniger anfällig für Fehldetektionen. Wer den alten Test gekauft hat, hat in eine sterbende Architektur investiert. Wer den neuen verkauft, hat wieder einmal die Kasse im Blick.

Und während die Behörden die Landkarte der Diagnostik neu zeichnen, läuft die Impfkampagne. 100 Millionen Menschen bis April, so der Plan in den Vereinigten Staaten. Beginnen wir mit dem Gesundheitspersonal. Beginnen wir mit den Alten in den Pflegeheimen. Beginnen wir dort, wo die Dankbarkeit am größten und die Aufklärung am dünnsten ist. Eine Notfallzulassung verlangt keine informierte Einwilligung im klassischen Sinne. Sie verlangt Vertrauen. Vertrauen, das in Vorstandsetagen erzeugt wird, nicht in Sprechzimmern.

Nicht jede beschleunigte Zulassung ist ein Skandal. Aber jede verdient einen Blick in die Akten. Nehmen wir Daybue. Als erste Behandlung des Rett-Syndroms zugelassen — ein Durchbruch für Familien, die seit Jahrzehnten auf ein Mittel warten. Die Liste der häufigen Nebenwirkungen liest sich wie das Kleingedruckte eines Mietvertrags, den niemand liest: Durchfall, Erbrechen. Es gibt Patienten, denen geholfen wird. Es gibt Patienten, denen geschadet wird. Beides steht im Beipackzettel. Beides hat seinen Preis. Wer das Patent hält, sitzt im Aufsichtsrat. Wer die Studie zahlt, bestimmt die Erzählung. Das ist die Architektur, die der Notfall sichtbar macht.

Die mRNA-Plattform, einst mit öffentlichen Milliarden erforscht, wurde privatisiert, patentiert, in den Bilanzen der Konzerne als Säule zukünftigen Wachstums verbucht. Booster-Impfstoffe. Krebsimpfstoffe. Gentherapien. Das Wort Plattform fällt inzwischen häufiger in Investorenpräsentationen als in Lehrbüchern der Immunologie. Unklar bleibt, welche der versprochenen Indikationen tatsächlich in den Sprechzimmern ankommen — und welche nur in den Hochglanzfolien.

Ich lehne mich zurück. Ich denke an die Arbeiterklinik, in der ich früher Dienst tat. Dort kamen Patienten mit Fieber, mit Schmerzen, mit der simplen Frage: Wird das wieder? Die Antwort war nie 95 Prozent. Die Antwort war: Wir wissen es nicht. Wir versuchen es.

Die schnelle Zulassung ist kein Verbrechen. Sie ist ein Symptom. Das System, das sie möglich gemacht hat, ist dasselbe, das jeden Tag entscheidet, welche Krankheit es wert ist, geheilt zu werden, und welche es wert ist, verwaltet zu werden. Die Reichen kaufen den Schutz. Die Armen bekommen die Aufklärung. Und alle zusammen bekommen eine Notfallzulassung, die in den Akten steht — und in den Geschäftsberichten.

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