Italiens Schleuse: RWM Italia füttert Riads Jemen-Krieg
Hör zu.
Rheinmetall hat eine Tochter in Italien. RWM Italia S.p.A., das ist der Name auf den Lieferpapieren, die niemand aufmacht, weil alle wissen, was drinsteht. Von dort fliegt Munition nach Saudi-Arabien. Bomben. Lenkwaffen. Kaliber, die in Wohnvierteln im Jemen Krater reißen, über die keine Zeitung mehr berichtet, weil das Mitleid der Welt eine Halbwertszeit hat. Die Vereinten Nationen führen Buch. Das genügt offenbar nicht.
Die Struktur ist so alt wie der Waffenhandel selbst, und Rheinmetall beherrscht sie wie kaum ein zweiter Konzern auf diesem Kontinent. Man gründet eine Auslandstochter, lässt sie nach dem dort geltenden Exportrecht liefern, und schon wird das deutsche Genehmigungsverfahren zur Bittstellerrunde, die man elegant umgeht. RWM Italia beliefert das Königreich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Beide Staaten führen Krieg im Jemen. Beide Staaten setzen Waffen gegen zivile Ziele ein. Die Lieferlisten enthalten Bomben und Lenkwaffen. Das ist keine Vermutung, das ist Aktenlage.
Wer profitiert? Die Liste ist kurz, und sie ist langweilig in ihrer Berechenbarkeit. Rheinmetall, klar. Der Konzern spricht von Aufträgen im dreistelligen Millionenbereich, nennt die Empfänger nicht, die Ziele nicht, die Opfer nicht. Auf der anderen Seite steht SAMI, die Saudi Arabian Military Industries, die Rüstungsholding des Königreichs. Und hier beginnt es interessant zu werden, weil die Personalrotation zwischen Düsseldorf und Riad auffällt. Ehemalige Rheinmetall-Manager sitzen bei SAMI. Sie wechseln nicht die Seite. Sie wechseln das Büro. Das Netzwerk ist dicht genug, dass man von einer strategischen Verflechtung sprechen muss, nicht mehr von einer einfachen Lieferbeziehung.
Dann kam Trump. Donald Trump hat die Karten neu gemischt, hat Bündnisse zur Handelsware gemacht, hat Zuverlässigkeit zur Verhandlungsposition erklärt. Für einen Konzern wie Rheinmetall war das ein Geschenk. Die Vereinigten Staaten, traditionell Schutzmacht der Region, begannen, ihre Partner in Kategorien einzuteilen: nützlich, weniger nützlich, verzichtbar. In dieses Vakuum stießen europäische Rüstungskonzerne, nicht trotz Trump, sondern wegen Trump. Wer heute noch glaubt, dass Rüstungspolitik in Washington gemacht wird, hat die letzten Jahre verschlafen.
Die USA und Europa stehen vor einer seltsamen Asymmetrie. Die Amerikaner können liefern, was sie wollen, wann sie wollen, an wen sie wollen. Die Europäer müssen erklären, rechtfertigen, dokumentieren. Genau diese Lücke füllt RWM Italia. Die italienische Exportregelung ist großzügig, die deutsche restriktiv. Also verlagert man das Geschäft dorthin, wo es keinen stört. Man muss eigene Kapazitäten stärken, heißt es aus Brüssel und Berlin. Richtig. Aber bitte so, dass die Lieferungen abseits der politischen Aufmerksamkeit laufen.
Die Bundesregierung hat vor wenigen Wochen den Export von Rüstungsgütern nach Saudi-Arabien wieder aufgenommen. Eine Geste der Geschäftsfreundschaft, die in Berlin niemand so nennt, die in Riad aber sehr genau verstanden wurde. Die Bedeutung der Transparenz, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Transparenz. Das Wort klingt hohl, wenn die Lieferungen aus Italien kommen und nicht aus Baden-Württemberg, wenn der Endabnehmer ein Königreich ist, das gerade Schulkindern in Sanaa das Dach über dem Kopf wegsprengt.
Was bleibt, ist die Geografie des Schweigens. Die Huthis im Jemen sind der erklärte Feind, gegen den Riad und Abu Dhabi ihre Arsenale aufbieten. Iran steht im Hintergrund, eine Bedrohung, die in jeder Sonntagsrede beschworen wird. Die Verteidigungskooperationen in der Region sind das Spiegelbild dieser Spannungen, eine Mischung aus Kalkül, Paranoia und Öl. Die Bomben, die in den Vororten von Sanaa einschlagen, tragen keine Aufschrift, die verrät, woher sie kommen. Sie stammen von RWM Italia. Sie wurden über das Königreich Saudi-Arabien und die Emirate in den Jemen getragen. Und Rheinmetall sitzt im Aufsichtsrat der Geschichte und schweigt.
Der Konzern nutzt die politische Lage, das ist sein gutes Recht. Er positioniert sich für staatliche Rüstungsaufträge, er wirbt mit Lieferfähigkeit, mit europäischer Standorttreue, mit Verlässlichkeit. Gleichzeitig sieht er sich Vorwürfen gegenüber, die sich hartnäckig halten. Dubiose Geschäftspraktiken, sagen die einen. Strukturierte Verantwortungslosigkeit, sagen die anderen. Beides läuft auf dasselbe hinaus.
Offen bleibt, wer in Düsseldorf wusste, wann er es wusste, und wer es bewusst nicht wissen wollte. Offen bleibt, welche konkreten Kaliber, welche Stückzahlen, welche Endabnehmer die italienische Tochter bedient hat. Offen bleibt vor allem, ob die Bundesregierung bei der Wiederaufnahme der Exporte nach Riad auch die Quellen berücksichtigt hat, aus denen dieser Konzern seine Lieferketten speist. Wahrscheinlich nicht. Sonst hätte sie den Mund gehalten.