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Die Akten wachsen. Die Täter lächeln. Das Tribunal fehlt noch immer

3. Juli 2026 — — — Hagen, Oberstleutnant a.D.

Sie wollen Zahlen? Ich gebe Ihnen Zahlen. Aber zuerst sage ich Ihnen, was ich sehe, wenn ich morgens die Berichte aufmache und abends die Karten studiere: Ich sehe eine Maschine, die ihren eigenen Schatten längst überholt hat.

Die Opferzahlen sind hoch. Besonders unter Zivilisten. Internationale Organisationen und Experten dokumentieren die Kriegsverbrechen — jeder Vorfall wird aktenkundig, vermessen, fotografiert, katalogisiert. Das ist notwendig. Das ist Handwerk. Aber ich sage Ihnen auch, was dabei herauskommt, wenn man Verbrechen dokumentiert, ohne die Architekten zur Rechenschaft zu ziehen: ein Archiv. Nichts als ein verdammtes Archiv, in dem die Toten ordentlich abgeheftet werden.

Und die tatsächlichen Zahlen? Sie liegen höher. Davon müssen wir ausgehen. Berichte treffen verzögert ein. Gebiete sind nicht zugänglich. Kommunikationsleitungen sind unterbrochen, Zeugen schweigen, Überlebende fliehen. Wer heute eine Statistik vorlegt, legt den Schattenriss eines Berges vor — die Spitze kennen wir, das Massiv darunter nicht.

Dann die Ermittlungen. Hier wird es interessant, hier wird es hässlich. Überwachungsaufnahmen. Soziale Medien. Forensische Spuren, ballistische Gutachten, Satellitenbilder. Sauberes, modernes Handwerk — und es führte zur Identifizierung der Angreifer. Ein Prozess steht bevor. Lesen Sie das noch einmal, langsam: in Abwesenheit der Verdächtigen. Die Männer, die schossen, sitzen nicht auf der Anklagebank. Sie sitzen dort, wo die Justiz sie nicht erreicht. Das ist kein Triumph der Ermittlungsarbeit. Das ist ein Eingeständnis, dass der Arm des Gesetzes zu kurz ist.

Die Struktur dahinter ist mir nicht unbekannt. OMON-Kämpfer — Sondereinheiten, ausgebildet für inneren Aufstand, nicht für Kriegführung gegen eine Zivilbevölkerung. Sie schossen gezielt auf zivile Fahrzeuge. Keine Warnschüsse. Keine Kontrollen. Das ist kein Exzess einzelner Überforderter, das ist Methode. Wer das anordnet, wer das duldet, wer das nicht bestraft — der trägt Verantwortung. Die Befehlskette reicht nach oben. Wir kennen die Glieder, wir sehen die Verbindungen. Was wir nicht kennen: das Gesicht auf dem obersten Sessel.

Bleiben wir bei den Namen. Ilja Kasakow. Schwer verletzt. Optimistisch. Lebenswillig. Ich schreibe diesen Namen auf, weil Namen zählen. Jeder Name ist eine Akte, die nicht geschlossen werden darf. Kasakow ist kein Symbol, er ist ein Mensch — und sein Optimismus ist der stille Beweis, dass dieses Volk nicht aufgibt, auch wenn ihm die Welt zu wenig hilft.

Die USA. Selenskij hat um Hilfe gerufen. Die USA hat nicht geantwortet — oder so, dass es nichts bedeutet. Das ist die zweite Front in diesem Krieg: die diplomatische. Wer liefert? Wer schweigt? Wer lässt Worte sprechen statt Material? Die internationale Unterstützung ist da, aber sie ist löchrig. Das Einzige, was die Ukraine heute wirklich schützt, sind Zusagen, die in Brüssel und Washington auf Papier stehen. Und Papier vergilbt.

Das ICPA. Sitz in Den Haag, bei Eurojust. Getragen von sechs Mitgliedsstaaten. Unterstützt vom Internationalen Strafgerichtshof und von den Vereinigten Staaten. Das ist der erste Schritt — ein Anfang, nicht mehr. Ein Sondertribunal für russische Kriegsverbrechen? Noch nicht eingerichtet. Die Errichtung wird diskutiert, erwogen, vorbereitet — das heißt in der Sprache der Diplomatie: Man braucht Zeit, man braucht Konsens, man braucht den Mut, den niemand aufbringen will.

Wer profitiert vom Stillstand? Die Täter. Wer verschweigt? Diejenigen, die lieber Geschäfte machen als Gerechtigkeit. Welche Struktur trägt das Schweigen? Die alte Ordnung, die Souveränität über Strafe behält — jeder Staat Richter im eigenen Haus, bis die Beweise so laut schreien, dass selbst die Tauben hören müssen.

Offen bleibt, wann aus dem Archiv ein Urteil wird. Offen bleibt, wann die OMON-Kämpfer auf der Anklagebank sitzen — nicht vor Bildschirmen in Moskau. Offen bleibt, wer dann noch zusehen muss, wie die Maschine ihren eigenen Schatten überholt.

Das, mein Leser, ist die Front, die ich beobachte. Nicht die mit den Panzern. Die mit den Akten.

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