Glyphosat-Vergleich: Wer blutet, wer profitiert, wer schweigt
Die Akte ist dick. Sie riecht nach Papier und nach etwas, das man nicht mehr weggewischt bekommt. Monsanto hat Äcker bestellt, bevor jemand die Ernte eingefahren hat — und jetzt, Jahrzehnte später, kommt die Rechnung. Wohin sie geht, das entscheiden andere.
Glyphosat. Ein Name wie ein Werkzeug, das niemand in der Hand haben will und trotzdem jeder trägt. Roundup, das Herbizid, mit dem Monsanto das Unkraut aus den Feldern brennen wollte — und mit ihm alles, was daneben wuchs. Monsanto, der Vorreiter bei genetisch verändertem Saatgut und bei Herbiziden auf Glyphosat-Basis. Ein Unternehmen, das den Acker umgeschrieben hat, als wäre er eine Akte. Und jetzt steht Blut auf den Seiten.
Denn Glyphosat steht im Verdacht, Nicht-Hodgkin-Lymphome auszulösen. Das ist keine Stadtangst, kein Boulevard-Schrecken. Das ist die Sprache des Körpers, wenn er sich nicht mehr wehren kann. Der Vergleich hebt diese potenziellen gesundheitlichen Risiken hervor, und er sortiert die Geschädigten nach Rubriken: Dauer der Glyphosat-Exposition. Stärke des Anspruchs. Allgemeine Gesundheit. Alter des Klägers. Spalten einer Tabelle, die niemand sehen will — weil hinter jeder Zeile ein Mensch steht, der ein Feld bestellt hat oder in der Nähe eines besprühten Ackers lebte.
Die widersprüchlichen Bewertungen machen die Sache nicht klarer. Die eine Institution sagt unbedenklich, die andere sagt krebserregend, und dazwischen stehen die Agrarkonzerne, die ihre eigenen Studien bezahlen. Vertrauen ist eine Ernte, die in diesem Geschäft nicht mehr wächst. Die Debatte über die Rolle der Agrarkonzerne wird geführt, als könnte man mit Worten das Gift zurückdrehen. Man kann es nicht.
Dann der Oberste Gerichtshof der USA. Er stellt sich auf die Seite von Bayer. Eine juristische Entscheidung, keine wissenschaftliche. Das ist ein Unterschied, den die Erde nicht kennt. Die Erde kennt nur, was auf sie gesprüht wird, und was danach in den Körper geht. Das Gericht verweist den Fall an das Staatsgericht zurück, damit der Vergleich dort beschleunigt wird. Beschleunigt — als ginge es um eine Lieferung, nicht um Leben. Die Entscheidung wird Bayers Bemühungen unterstützen, den Vergleich zu genehmigen. So steht es in den Akten. So wird es umgesetzt.
Während Bayer juristisch durchatmet, schiebt sich BASF durch die Hintertür nach vorn. BASF wird Nutznießer der kartellrechtlichen Auflagen — Geschäfte mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro wandern für 7,6 Milliarden Euro in den eigenen Bestand. Keine Hilfe für die Kläger. Ein Geschäft im Schatten des Vergleichs, leise wie eine Übergabe auf dem Feld bei Nacht. Wer hier zuschaut, sieht keine Landwirtschaft. Er sieht eine Übernahme.
Monsanto. Der Name steht noch in den Dokumenten, auch wenn die Buchstaben längst zu Bayer gehören. Der Konzern war Vorreiter — bei genetisch verändertem Saatgut, bei Roundup, bei Glyphosat. Und er war Gegenstand von Kontroversen und rechtlichen Herausforderungen, nicht zuletzt wegen Agent Orange, diesem Entlaubungsmittel, das ganze Landstriche und Menschen kahlgefegt hat. Die Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man. Aber sie hinterlässt Spuren, und manche dieser Spuren sind toxisch.
Was bleibt. Die Felder werden weiter besprüht, mit Wissen, mit Erlaubnis, mit Vergleich. Die Akten werden dicker. Die Kläger werden älter, manche sterben vorher. Die Konzernbilanzen werden runder. Und die Erde, die alles trägt, schweigt — bis sie es nicht mehr tut.
Unklar bleibt, wie viele Kläger am Ende tatsächlich Geld sehen. Unklar bleibt, welche Studien gegen welche Studien aufgerechnet werden. Unklar bleibt, wer in den Aufsichtsräten sitzt, wenn die nächste Generation von Herbiziden auf den Markt kommt.
Was bleibt: Die Felder reden. Die Städte hören nicht zu. Die Akten schwellen, die Bilanzen wachsen, und die Erde wartet auf eine Antwort, die nicht kommt.