Die Buchhalter des Untergangs und ein Urteil aus Karlsruhe
1937. Die Erde schreibt mit. Ich übersetze.
Das Bundesverfassungsgericht hat gesprochen. Wer den Staub auf meinen Stiefeln kennt, weiß: Solche Sätze stehen nicht in Handelsblättern. Sie stehen in den Schichten der Erde, in den Jahresringen, die niemand mehr lesen will. Die Richter in Karlsruhe haben verlangt, dass die Republik ihre Temperaturziele in ein handfestes CO2-Budget übersetzt. Nicht mehr schwammig. Nicht mehr wir streben an. Sondern: soundso viele Tonnen, in dieser Zeit, und danach ist Schluss mit der Mehrheit. Ein Budget ist ein Versprechen an eine Person, die älter ist als jede Verfassung. Die Erde hat sich ihren Haushalt in Jahrmillionen gebucht. Kohlenstoff rein, Kohlenstoff raus, ein Kreislauf so präzise, dass jeder Buchhalter weinen könnte vor Neid. Wir kommen seit hundertfünfzig Jahren mit Bleistift und Radiergummis und schreiben Zahlen in die Spalte Soll, die nie gedeckt waren. Das Gericht sagt jetzt: hört auf zu radieren. Legt Zahlen vor. Und nehmt die Gegenwart ernst.
So weit die Mechanik. Jetzt der Aktenstaub.
Denn während Karlsruhe die Republik beim Wort nimmt, werkelt im Hintergrund eine Industrie, die sich freiwilliger CO2-Markt nennt und in Wahrheit das größte Treuhandbüro der Welt ist. Unternehmen kaufen Ausgleichsprojekte, um weiter emittieren zu dürfen wie zuvor. Siebenundachtzig Prozent dieser Projekte bergen ein hohes Risiko, gar keine echten und zusätzlichen Emissionsreduktionen zu erzielen. Siebenundachtzig. Das ist kein Fehler mehr. Das ist ein Geschäftsmodell.
Wer profitiert? Die Konzerne, die ihre Bilanz schönen. Die Projektentwickler, die Wälder zertifizieren, die gar nicht bedroht waren, oder die nach der Zertifizierung abgeholzt werden. Die Berater, die das alles verifizieren. Die Plattformen, die auf jeder Konferenz erzählen, wie ernst es ihnen ist.
Und dann Verra. Verra ist ein Name, der in keiner Boulevardzeitung steht, aber im Untergrund unseres Treibhausguthabens eine Rolle spielt wie eine Notenbank. Mehr als neunzig Prozent der von Verra genehmigten Kohlenstoffkompensationen im Regenwald sind wahrscheinlich Phantom-Credits. Wahrscheinlich. Wer in meinem Beruf arbeitet, weiß: Wenn ein Sachverständiger wahrscheinlich sagt, meint er so gut wie sicher, aber ich will vor Gericht noch verwendbar sein. Die Wälder Brasiliens, Indonesiens, Kongos stehen weiter, werden weiter abgeholzt, und auf dem Papier eines Frankfurter Händlers leisten sie tapfer ihren Klimadienst. Wer profitiert? Der Händler. Wer verschweigt? Der Prüfer.
Und weil selbst das noch zu ehrlich war, hat Verra Projekte gestrichen, die Methan aus Reisfeldern in China reduzieren sollten. Implementationsfehler, heißt es. Ich sage: Implementationsfehler ist das Wort, mit dem man Verschwinden verschleiert. Wenn ein Reisfeld kein Methan mehr ausstoßen soll, dann muss jemand das Reisfeld bewirtschaften, die Technik warten, die Bauern bezahlen. Irgendwann fehlt Geld, irgendwann fehlt Aufsicht, irgendwann steht das Feld wieder unter Wasser und das Gas steigt. Die Integrität der Kohlenstoffgutschrift — das ist der Satz, den Sie sich merken sollten. Die Integrität ist nicht beschädigt. Die Integrität war nie da. Sie wurde behauptet.
Die Struktur, die das trägt, ist alt. Sie heißt: versprechen, was nicht gehalten werden muss. Wer einen Phantom-Credit kauft, kauft eine Fiktion. Wer eine Fiktion verkauft, hat keine Inventur. Und wer das kontrollieren soll, wird von denselben Konzernen bezahlt, die kontrolliert werden müssten.
Jetzt das Gegenstück. Ein globaler Emissionshandel, sagen Ökonomen, sei die effektivste Maßnahme, um Emissionen zu senken, ohne die Luftverkehrsnachfrage stark zu beeinträchtigen. Effektivste. Ohne Nachfrage zu beeinträchtigen. Das ist die Bitte des zwanzigsten Jahrhunderts an das einundzwanzigste: dass bitte nichts weh tun möge. Nur dass die Erde kein Ökonom ist. Die Erde bucht in Atmosphären.
Der weltweite CO2-Ausstoß der Luftfahrt steigt kontinuierlich. Das ist kein Sturm. Das ist Dauerregen. Jede startende Turbine schreibt eine Zahl in die Bilanz, die niemand tilgt. Wenn der globale Emissionshandel kommt, dann müssen Zertifikate knapp sein. Sonst ist er nicht effektiv, dann ist er Theater.
China plant ein großes nationales Emissionshandelssystem. Es könnte das größte der Welt werden. Es könnte auch das größte Papiergebirge der Welt werden, weil die Details ungewiss sind und der Erfolg ungewiss ist. Wer die Geschichte der chinesischen Fünfjahrespläne kennt, weiß: Dort wird gebaut, was die Partei will. Und wenn die Partei will, dass die Zahlen stimmen, dann stimmen die Zahlen. Wenn sie will, dass sie nicht stimmen, dann stimmen sie auch.
Das europäische Emissionshandelssystem, der Stolz der Brüsseler Beamten, hat zu viele Zertifikate. Das hält den CO2-Preis niedrig. Das schwächt den wirtschaftlichen Anreiz zur Emissionsminderung. Das ist, als würde man einem Dieb sagen: Hier, der Tresor ist offen, aber nimm dir nur ein paar Münzen, damit es nicht auffällt. Es fällt auf.
Hier liegt die Verbindung, die kein Bericht der letzten zwanzig Jahre sauber benannt hat. Die Phantome im Regenwald, der Reis in China, die billigen Zertifikate in Europa, das Karlsruher Urteil — das sind keine getrennten Geschichten. Das ist ein Buchhaltungssystem, das Erlösung verspricht und Insolvenz produziert. Wer profitiert? Die, die das System erfunden haben. Wer verschweigt? Die, die das System prüfen müssten. Was trägt es? Die Angst der Politik, den Unternehmen die Wahrheit zu sagen.
Unklar bleibt, wie Karlsruhe in der Praxis durchsetzen will, dass ein Phantom-Credit in Frankfurt, eine Reisfeld-Gutschrift aus Hunan und ein billiges EU-Zertifikat nicht länger als Klimaschutz verkauft werden. Unklar bleibt, wer die Kontrolle bekommt. Unklar bleibt, ob die Übersetzung der Temperaturziele in Tonnen auch eine Übersetzung der Märkte in Wahrheit nach sich zieht — oder ob am Ende nur ein neues Kontrollorgan entsteht, das dieselben Akteure prüft, die es prüfen soll.
Ich setze mich. Die Stiefel sind dreckig. Vor dem Fenster riecht es nach nichts, und gerade das ist das Gerücht, dem man nicht trauen darf.
Was atmet, lebt von dem, was es einatmet. Was es nicht einatmen darf, muss vorher aus der Luft verschwinden. Sonst atmet es sich selbst zu Tode.