Hähne zu, Märkte offen: OPEC+ zwischen Hormus und Handel
1937. Jemand dreht den Hahn auf. Jemand dreht ihn zu. Beides kostet Leben.
Heute, fast neunzig Jahre später, stehen die Hähne still. Nicht alle, nicht überall. Aber still genug, dass Männer in Anzügen nervös werden. Die OPEC+ – das ist das Kartell, das sich als „Kooperation" verkauft – hat ein Problem. Sie sorgen sich um die Sicherheit ihrer Energieinfrastruktur. Schön und gut. Sie reden von den Auswirkungen auf die globale Ölversorgung. Noch schöner. Aber was heißt das, wenn man die Sprache der Bohrtürme spricht?
Es heißt: Saudi-Arabien und andere Mitglieder können kaum zusätzliche Ölproduktion auf den Markt bringen. Wegen des Konflikts. Wegen der Blockade der Straße von Hormus. Das ist die Meerenge, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls fließt. Wer dort die Schiffe stoppt, stoppt den Puls der Weltwirtschaft. Wer zusätzliches Öl verspricht, das er nicht pumpen kann, lügt. Oder verhandelt.
Die OPEC+-Mitglieder reden von Erhöhung der Produktionsquoten. Sie reden davon, das Angebot zu erhöhen und potenziell die Preise zu stabilisieren. Sie reden davon, ihre Rolle als bedeutender Akteur am globalen Ölmarkt fortzusetzen, indem sie die Fördermengen anpassen. Sie reden von fortgesetzter Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern, um Marktstabilität zu gewährleisten. Das klingt nach Plan. Das klingt nach Absprache. Das klingt nach einer Sprache, die ich gehört habe, kurz bevor jemand den Hahn zugedreht hat.
Aber genau hier beginnt die Ermittlung. Denn was passiert gleichzeitig?
China beendet die Vergeltungsmaßnahmen gegen US-Unternehmen. China öffnet den Markt für landwirtschaftliche Produkte wie Sojabohnen. China lockert den Export von kritischen Mineralien wie Seltenen Erden und bestimmten Chemikalien für die USA.
Lies das nochmal. Langsam.
Während OPEC+ über Öl redet, das nicht fließt, redet China über Sojabohnen, die fließen werden. Über Seltene Erden, die fließen werden. Über Chemikalien, die fließen werden. Zwei Verhandlungstische. Oder einer?
Unklar bleibt, wer genau zwischen diesen Tischen sitzt. Unklar bleibt, welche Strippen gezogen werden, damit ein Energiekartell und ein Rohstoff-Gigant gleichzeitig ihre Schranken öffnen. Aber die Frage liegt auf der Hand: Wenn OPEC+ die Fördermengen anpasst, um Marktstabilität zu gewährleisten – stabilisiert sie dann den Markt? Oder stabilisiert sie ein Gleichgewicht, in dem Chinas Seltene Erden plötzlich wieder Richtung USA rollen?
Und noch eine Frage, offen wie ein leckes Ventil: Wer profitiert, wenn die Kooperation zwischen OPEC+ und Nicht-OPEC-Ölproduzenten sichtbar bleibt, während im Hintergrund die Blockaden zwischen China und den USA fallen? Die OPEC+ spricht von Preisen, die beeinflusst werden sollen. Aber Preise für wen?
Die Erhöhung der Produktionsquoten könnte die geopolitische Dynamik innerhalb der OPEC+-Länder verändern. Sie könnte die Beziehungen zu den Nicht-OPEC-Ölproduzenten verschieben. Sie könnte die Versorgung erhöhen und Preise stabilisieren. Sie könnte alles sein – je nachdem, wer den Hebel hält.
Was ich weiß, nach Jahren auf den Feldern: Eine Pumpe lügt nicht. Sie pumpt oder sie pumpt nicht. Ein Kartell, das von Stabilität redet, redet meistens von seinem eigenen Vorteil. Eine Handelsblockade, die plötzlich gelockert wird, ist kein Geschenk. Sie ist eine Karte, die ausgespielt wird.
Die OPEC+ setzt ihre Rolle als bedeutender Akteur am globalen Ölmarkt fort, indem sie die Fördermengen anpasst. So steht es in den Meldungen. So werden es die Zeitungen schreiben. Aber die Wahrheit liegt nicht in den Fördermengen. Die Wahrheit liegt in der Frage, warum genau jetzt, warum genau diese Quoten, warum genau diese Kooperation – und warum parallel dazu Chinas Sojabohnen und Seltene Erden wieder auf den Markt dürfen.
Wer zahlt den Preis, wenn das Öl stockt? Wer profitiert, wenn es fließt? Wer dreht den Hahn auf, und wer dreht ihn zu?
Das ist keine Marktstabilität. Das ist Architektur. Gebaut auf dem Rücken derer, die sich den Sprit nicht leisten können, der hier verhandelt wird.
Ich trinke mein Bier. Aus Prinzip. Und ich warte auf den nächsten Zug im Schachbrett. Denn OPEC+ redet von Quoten. China redet von Sojabohnen und Seltenen Erden. Die Straße von Hormus bleibt blockiert. Und die Hähne werden nicht von denen gedreht, die unter ihnen arbeiten.