Die Notlüge hinter dem Verbot: Wer spritzt, wenn keiner hinsieht?
Es gibt zwei Arten von Verboten in dieser Republik. Die einen stehen in schwarzer Tinte auf weißem Papier und gelten, bis das Papier vergilbt. Die anderen stehen im Gesetzbuch und gelten nur so lange, bis ein Minister an einem Mittwochabend das Telefon abnimmt und das Wort Notfall in den Mund nimmt. Was dann passiert, ist altbekannt: Die Spritze wird wieder gefüllt, das Feld riecht nach Chemie, und die Biene merkt es zuerst.
Dass einige EU-Mitgliedstaaten die Notfallzulassungen für Neonicotinoide umgehen, obwohl deren Einsatz EU-weit verboten ist, war in Brüssel lange ein Flüstern auf den Fluren. Jetzt ist es aktenkundig. Was als Ausnahme gedacht war, ist zur Regel geworden. Aus der Not wurde ein Werkzeug, aus dem Werkzeug ein Markt. Besonders deutlich wird das bei Acetamiprid. Die Notfallzulassungen wurden erweitert — Schritt für Schritt, leise, mit dem Argument der akuten Gefahr für die Ernte. Wer bestimmt, was akut ist? Nicht das Insekt. Nicht der Bestäuber. Der Bauernverband und das Landwirtschaftsministerium, das gerade Wahlkampf hat.
Im EU-Parlament sitzen Abgeordnete, unterstützt von den Grünen, die das anders sehen. Sie wollen ein umfassendes Verbot, keine Hintertürchen. Sie wissen: Drei verbotene Neonikotinoide sind kein Verbot, solange die chemischen Cousins in den Startlöchern stehen. Ähnliche Insektizide kommen auf den Markt, kaum reguliert, mit neuem Etikett, altem Gift im Kern. Das System ist nicht gescheitert — es hat sich angepasst. Das ist die gefährlichere Diagnose.
Dass die Menschen Insekten heute anders sehen als noch vor zehn Jahren, ist ein kleiner Sieg. Er steht in den Sonntagsreden, auf den Plakaten der Umweltverbände, in den Schulbüchern der Kinder. Aber das Insektensterben geht weiter. Die Sympathie ist da, die Population ist weg. Das eine hat das andere nicht gerettet. Es hat nur das schlechte Gewissen verfeinert.
Parallel wird in Brüssel über Änderungen debattiert, die der Behörde ANSES Prioritäten auferlegen sollen — also der wissenschaftlichen Bewertung von Pestiziden von außen hineinregieren. Die Ablehnung dieser Änderungen war richtig. Wissenschaftliche Unabhängigkeit ist kein Luxus, sie ist die einzige Waffe gegen eine Industrie, die ihre eigenen Studien mitbringt. Wer die Bewertung politisch bestellt, bekommt das Ergebnis, das er bestellt hat.
Aber genau hier beginnt das zweite Bild hinter dem ersten. Dieselben Akteure, die sich auf die Wissenschaft berufen, wenn es um Verbote geht, reden von Wettbewerbsfähigkeit, wenn es um Aufweichungen geht. Die Regulierungen hätten die Wettbewerbsfähigkeit der EU beeinträchtigt, heißt es. Wertschöpfung verlagere sich in Länder mit weniger restriktiven Auflagen. Das klingt plausibel, ist aber eine Drohung im Anwaltsdeutsch: Lasst uns spritzen, sonst wandert die Industrie aus. Wer wandert? Die Konzerne. Wer bleibt? Die Böden, die Bestäuber, die Bauern mit ihren Schulden.
Die Zahlen sind nüchtern. Die EU-Produktion von Raps und Kartoffeln hat sich seit den Regulierungen strukturell von der globalen Entwicklung entfernt. Produktionsverluste: rund 5,9 Milliarden Euro im Jahr 2023. Das ist viel Geld. Es ist auch eine Zahl, die nur dann ehrlich ist, wenn man die andere Seite mitrechnet. Was kostet der Verlust der Bestäuber? Was kostet das tote Insekt am Feldrand? Diese Rechnung steht in keinem Haushaltsposten, aber in jedem Ackerrand, den ich seit dreißig Jahren ablaufe.
Wer profitiert also vom Notausgang, den niemand schließen will? Die Hersteller, die eine neue Generation von Insektiziden in den Handel bringen, während das alte Verbot noch in den Zeitungen steht. Die Landwirtschaftsminister, die sich zwischen Wahlversprechen und Bauernprotesten zerreiben und sich für die Spritze entscheiden, weil die Biene nicht wählt. Die Wissenschaft, die ihre Unabhängigkeit verteidigt, aber an Einfluss verliert, wenn die Politik die Studien gleich mitbestellt. Und am Ende: niemand, der die Rechnung für den Verlust bezahlt. Die bezahlt der Boden. Bezahlt das Wasser. Bezahlt die nächste Ernte.
Unklar bleibt, in welchen Mitgliedstaaten genau die Notfallzulassungen in welchem Umfang erweitert wurden — Brüssel zählt die Notausgänge, aber nicht die Schritte, die hindurchführen. Unklar bleibt auch, welche Summen in den Wahlkämpfen flossen, in denen die Wettbewerbsfähigkeit plötzlich wieder oben auf der agrarpolitischen Tagesordnung stand.
Was bleibt, ist das Feld im November. Schwarz. Still. Und kein Summen mehr.