DAS METHAN STEIGT. DIE PIPELINES SIND STILL. DIE FRAGE BLEIBT
Jemand hat zwei Pipelines in die Ostsee gesprengt. Niemand weiß genau wer. Aber jeder weiß, was oben rauskommt.
Die Explosionen an Nord Stream und Nord Stream 2 gehören zu den größten Methanfreisetzungen, die diese Erde je gesehen hat. Ein Treibhausgas, achtundzwanzigmal schlimmer als Kohlendioxid, einfach so in die Atmosphäre geblasen. Nicht weil ein Bohrturm leckt, nicht weil ein Ventil klemmt — sondern weil jemand den Hahn aufdreht und gleich wieder zudreht. Auf seine Art.
110 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Das ist die kombinierte Kapazität beider Stränge. Genug, um halb Europa im Winter warmzuhalten. Jetzt ist da unten nichts mehr als verbogenes Stahl und salziges Wasser. Das Methan steigt. Und oben?
Oben lächelt Gazprom. Der Konzern erwartet trotz schwieriger Marktbedingungen und Preisrückgängen ein solides Ergebnis für 2019. Verstehen Sie das? Die Röhren sind tot, das Methan vergiftet die Atmosphäre, Europas Energieversorgung wackelt — und die Bilanz stimmt. So sieht es aus, wenn Struktur Kapital schlägt.
Der Konzern setzt auf die Fertigstellung von Nord Stream 2 — obwohl die Trümmer noch warm sind. Man will fertigstellen, was am Boden liegt. Und man schaut nach Osten. Die Expansion in den asiatischen Markt soll die Exportstrategie diversifizieren, besonders China soll schlucken, was Europa nicht mehr will. Russland verlagert seine Energieexporte, weg von den zerstörten Routen, hin zu neuen Wegen. Ein vorgeschlagener Energiestützpunkt in der Türkei steht im Raum. Klingt nach Plan B. Riecht nach Plan A.
Europa sucht derweil nach Alternativen zu russischem Gas. Die Abhängigkeit, jahrzehntelang als Selbstverständlichkeit verkauft, ist plötzlich eine offene Rechnung. Gut so. Aber zu welchem Preis? Flüssiggas aus Übersee, Kohle zurück ans Netz, Atomkraft auf Start. Jede Option kostet. Bezahlen wird, wer schon immer bezahlt hat.
Kritiker warnen seit Jahren: Die Pipeline erhöht die geopolitische Macht Russlands und gefährdet die Sicherheit in Osteuropa. Das war vorher Paranoia. Jetzt ist es eine Landkarte. Unklar bleibt, wer an jenem Tag in der Ostsee den Zünder drückte. Unklar bleibt, ob je ein Tribunal antwortet. Klar ist: Solange die Täter im Dunkeln stehen, hat jeder Verdächtige ein Motiv.
Ich trinke Bier. Aus Prinzip. Weil Bourbon schmeckt wie eine Geschichte, die man sich abends vorm Schlafen gern erzählt.