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BEIDE SEITEN, BEIDE BOMBEN, KEIN VERTRAG

4. Juli 2026 — — — Hagen, Oberstleutnant a.D.

Hören Sie zu. Ich war Oberstleutnant, zweimal. Ich weiß, was Stahl bedeutet, der bestellt wird, und ich weiß, was er anrichtet, wenn er ankommt.

In der Ukraine fallen jetzt Streubomben. Russland wirft sie. Die Ukraine wirft sie. Beide Seiten — dokumentiert. Amnesty International, Human Rights Watch, die haben Beweise vorgelegt. Russische Streubomben auf zivile Einrichtungen, auf Zivilisten. Beim Angriff auf Kharkiv: Clusterbomben. Zivile Opfer. Verletzte. Evakuierungen.

Ich melde Ihnen die Buchführung. Nicht die Meinung.

Fakt eins: Russland führt einen Angriffskrieg. Das ist der Ausgangspunkt. Ohne ihn gibt es die anderen Punkte nicht.

Fakt zwei: Sowohl Russland als auch die Ukraine sind keine Vertragsparteien des Übereinkommens über Streumunition. Dieses Übereinkommen verbietet Herstellung, Weitergabe, Einsatz. Beide Länder sind nicht beigetreten. Wer den juristischen Hebel sucht, greift ins Leere.

Fakt drei: Was nicht verbindlich verboten ist, wird verwendet.

Soweit die nüchterne Lage. Jetzt der Blick dahinter, den Sie von mir verlangen.

Streumunition ist keine Waffe für ein Duell. Sie ist eine Waffe für Flächen. Eine Mutterbombe öffnet sich über der Stadt und verteilt Hunderte kleiner Sprengkörper über ein Gebiet, das nach Fußballfeld misst, nicht nach Grundstück. Ein Teil detoniert sofort. Ein Teil bleibt liegen. Die Blindgänger sehen aus wie Dosen. Sie sehen aus wie Spielzeug. Sie sind der zweite Beschuss — derjenige, der zwanzig Jahre später ein Kind findet, das im Sand buddelt. Ich kenne das Prinzip aus der Theorie und aus den Berichten derjenigen, die ausgebuddelt haben. Es ist überall dasselbe.

Wer profitiert? Russland, weil sich eine Stadt mit Flächenwaffen schneller brechen lässt als mit Präzision. Die Ukraine, weil ihre Munitionslager knapp sind und Cluster die Wirkung eines einzigen Fluges vergrößern. Beide nutzen, was funktioniert. Die Produktion ist etabliert, die Lieferketten laufen, die Archive sind voll. Wer zurücktritt, verliert Gelände.

Wer verschweigt? Die diplomatische Ebene. Es gibt Verhandlungen, es gibt Einigungen über Minderheitenrechte, es gibt Gesprächsformate, in denen Sätze stehen wie „Konfliktlösung" und „Verhandlungslösung". Über Streubomben steht da nichts. Sie sind die Waffe, die nicht auf der Tagesordnung steht, weil sie das Geschäft stören würde. Das ist die Struktur, Leser. Das Übereinkommen ist nicht unterzeichnet. Also gibt es kein Tribunal. Es gibt keine Anklage. Es gibt keine Akte, die in Den Haag eine Nummer bekommt. Das Völkerrecht ist kein Mietvertrag, den man aufdruckt — es gilt nur, wer unterschrieben hat.

Die Bedeutung internationaler Rechtsprozesse zur Verantwortlichkeit: das ist die Antwort, die ich Ihnen schuldig bin. Denn ohne diese Prozesse ist Dokumentation wertlos. Beweise ohne Tribunal sind Akten in einem Schrank, den niemand aufschließt. Amnesty und Human Rights Watch können kartieren, was übrig bleibt, wenn eine Streubombe ihr Päckchen ausgeschüttet hat. Sie können Krater zählen, Splitter vermessen, Fotos sortieren. Sie können niemanden verurteilen. Die internationale Kritik ist berechtigt — sie kommt aus jeder Hauptstadt, die unterzeichnet hat. Sie bleibt folgenlos gegenüber den beiden, die nicht unterzeichnet haben.

Was bleibt mir am Ende? Die Rechnung, die nicht aufgeht.

Offen bleibt, wie viele dieser Waffen tatsächlich verschossen wurden, in welcher Stückzahl, aus welchen Fabriken, unter wessen Unterschrift. Unklar bleibt, wer auf welcher Seite den ersten Befehl gab und wann. Das sind die offenen Fragen. Die Antworten liegen nicht in den Dokumenten, die ich kenne. Sie liegen in Archiven, die später jemand öffnen wird, oder in Archiven, die verbrannt werden.

Klar ist: Die Bomben sind gefallen. In Kharkiv, und anderswo. Die zivilen Opfer sind gezählt. Die Blindgänger sind es noch nicht — sie warten.

In meinem nächsten Leben, Leser, möchte ich in einer Welt leben, in der Streumunition eine Fußnote in einem Museumsbuch ist. Heute ist sie ein Absatz im Kriegstagebuch.

Bis dahin: zählen Sie weiter. Genau hinschauen. Nicht wegschauen.

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