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Madagaskars Erde wird verkauft — das Gesetz steht im Weg

5. Juli 2026 — — — Ida Feuerbach

Die Erde, die man bestellt, vergisst einen nicht. Ich weiß das, weil ich aufgewachsen bin zwischen Reihen, die mein Vater gezogen hat, und zwischen Reihen, die später jemand anderes gezogen hat. Die Bank hat die Felder genommen. Das ist nichts Besonderes. Das ist die Geschichte jedes Hofes, der zu klein war für die Maschinen und zu groß für das Mitleid der Stadt.

Auf Madagaskar ist diese Geschichte nur eine Nummer größer. Das Prinzip ist dasselbe: Wer das Geld hat, nimmt sich das Land. Wer das Land hat, verliert beides.

Man nennt es Landgrabbing. Das klingt nach einem Akt, nach einer Nacht, nach einem Einbruch. Es ist keiner. Es ist eine Kette von Verträgen, von Gesetzen, von Investitionszusagen. Es ist das, was passiert, wenn Regierungen beschließen, dass ihr Boden verkauft werden darf — und an wen.

Ausländische Investoren sind beteiligt. Nationale Investoren sind beteiligt. Sie arbeiten nicht immer zusammen, aber sie sitzen am gleichen Tisch. Das madagassische Recht hat ihnen diesen Tisch gebaut. Durch Gesetze, durch die Förderung von Investitionen, durch das langsame Wegfräsen der Rechte, die lokale Gemeinschaften einmal hatten. Was dabei herauskommt, ist ein Rechtssystem, in dem der Bauer ohne Anwalt dasteht — und der Investor mit einem ganzen Stapel davon.

Die betroffenen Gemeinschaften haben nur begrenzte rechtliche Mittel, um sich zu wehren. Das ist die Formulierung, die in den Berichten steht. Ich kenne diese Formulierung. Sie bedeutet: Sie haben fast nichts. Sie bedeutet: Die Konflikte dauern an, weil die eine Seite klagen kann und die andere Seite nicht einmal weiß, dass sie klagen darf. Sie bedeutet: Jede Ernte, die eingefahren wird, ist eine kleine Rebellion, und jede Rebellion wird beantwortet.

Was wird dort eigentlich angebaut — oder besser: was wird dort entnommen? Die Projekte tragen verschiedene Namen. Land für Exportzwecke. Bioenergie. Aufforstung. Mineralienabbau. Vier Türen, durch die Erde verschwindet. Keine dieser Türen führt zurück in das Dorf, wo das Land vorher lag. Wer einmal einen Vertrag über Ackerland unterschrieben hat, der Bioenergie oder Aufforstung sagt, hat eine Wiese unterschrieben, die keine Wiese mehr ist.

Die marktwirtschaftlichen Ansätze zur Landnutzung, die dort verfolgt werden, verschärfen diese Lage. Das ist kein Zufall. Das ist Konstruktion. Land als Ware behandelt, bekommt Ware. Land als Erbe behandelt, bekommt Erbe. Wer die erste Lesart wählt, hat sich entschieden — gegen die Bauern, gegen die Dörfer, gegen jede Vorstellung von Boden, die nicht in einer Bilanz steht.

Die Folge: Ernährungsunsicherheit. Soziale Konflikte. Das sind keine Schlagworte aus einem Fernschreiben. Das sind Teller, die leer bleiben. Das sind Kinder, die morgens fragen, was es abends gibt, und Eltern, die dasitzen und schweigen. Das sind Nachbarn, die auf verschiedenen Seiten eines Zauns stehen. Transnationale Konzerne und wohlhabende Staaten kontrollieren dort Landressourcen — sie haben das nicht gestohlen, sie haben es gekauft. Der Unterschied ist ein Stempel und ein Datum.

Wer jetzt sagt, Madagaskar sei ein Sonderfall, hat nicht genau hingesehen. Was dort passiert, spiegelt breitere Probleme, die mit Landgrabbing und der Ausweitung der industriellen Landwirtschaft verbunden sind. Die Karte ist überall eingezeichnet. Man muss sie nur lesen können.

Aber es gibt Augen, die nicht wegsehen. Lokale Organisationen und internationale Organisationen arbeiten zusammen. Sie durchsuchen Verträge, sie befragen Bauern, sie bestehen darauf, dass Landraub kein Naturereignis ist, sondern ein Akt mit Urhebern. Sie erinnern daran, dass zivilgesellschaftliche Beteiligung kein Schmuckstück ist, das man sich leistet, wenn es passt — sondern die einzige Methode, mit der ein solcher Vorgang überhaupt ans Licht kommt.

Was wird vorgeschlagen? Kollektive Landnutzungsrechte. Landreformen. Beides steht seit Jahren in Papieren, die niemand umsetzt. Es gibt genug Wissen. Es gibt genug Erfahrung. Es fehlt das, was bei uns auf dem Hof immer das Teuerste war: der Wille, es wirklich zu tun.

Offen bleibt, welche Namen auf den Verträgen stehen. Offen bleibt, welche madagassischen Beamten die Abkommen ausgehandelt haben und welche Summen dabei geflossen sind. Offen bleibt, wie viel Hektar bereits in fremder Hand sind und welche Früchte dort wachsen — für wen. Diese offenen Fragen sind kein Versagen der Recherche. Sie sind der Hinweis darauf, dass die andere Seite Auskunft verweigert. Wer schweigt, hat etwas zu verbergen. Wer schwätzen lässt, hat etwas zu verkaufen.

Madagaskars Erde wird verkauft. Das Gesetz steht daneben. Was bleibt, ist die Frage, wer den nächsten Acker bezahlt — und wer den nächsten Acker bestellt.

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