ALGORITHMEN SAGEN VERBRECHEN VORAUS — WER SAGT DIE WAHRHEIT?
Die Maschine lügt nicht. Behauptet sie zumindest. Predictive Policing heißt das neue Werkzeug — Software, die mit maschinellem Lernen errechnet, wo morgen eingebrochen wird, wer als Nächstes auffällt. Klingt sauber. Klingt objektiv. Klingt nach dem Ende des menschlichen Fehlers.
Ist es nicht.
Die Belege summen auf dem Draht. In Chicago zeigt das System seine wahre Form: nicht Verbrechen verhindern, sondern Muster aus der Vergangenheit fortschreiben. Die „Operation LASER" überwachte Personen — 89 Prozent davon waren People of Color. Neunundachtzig. Kein Zufallsfehler, keine fehlerhafte Eingabe. Reproduktion dessen, was Polizeibehörden seit Jahrzehnten in ihre Akten schreiben. Die Maschine rechnet nur nach, was Menschen ihr gefüttert haben.
In Deutschland läuft es vermeintlich anders — ortsbezogen, nicht personenbezogen, sagt das Innenministerium. Berlin hat die Technik bereits in die tägliche Polizeiarbeit integriert. Ausweitung statt Pilotprojekt. Kein Experiment mehr, das man stoppen könnte. Werkzeug im Gürtel, gezogen bei jeder Schicht.
Doch wer kontrolliert das Werkzeug? Die EU-KI-Verordnung stellt klare Anforderungen an Hochrisiko-Systeme, stärkt Auskunftsrechte für Bürger. Klingt nach Schutz. In der Praxis: Algorithmen zur Kriminalitätsprognose operieren häufig ohne ausreichende Transparenz, ohne Kontrollmechanismen, ohne unabhängige Prüfung der Erfolgsbeweise. Die Anbieter verkaufen Präzision. Belege? Fehlanzeige.
Fairness in Algorithmen ist kein technisches Problem. Keine Schraube, die man dreht, bis die Zahlen stimmen. Es ist ein sozial kontextabhängiges Konzept — verwurzelt in den Daten, in der Gesellschaft, in den Händen der Fütterer. Wer das nicht versteht, baut Diskriminierung in Silizium und nennt es Fortschritt.
Unklar bleibt, wer in deutschen Behörden die Eingabedaten auswählt. Unklar bleibt, welche unabhängigen Stellen den Erfolg messen — nicht die Hersteller, nicht die Pressekonferenz der Innenminister. Wer profitiert? Die Anbieter. Die Behörden, die mit neuen Werkzeugen um Aufmerksamkeit buhlen. Wer zahlt den Preis? Die Überwachten. Wie immer.
Die Drähte summen weiter. Ich höre zu.