ACHTZIG PROZENT GAS, EIN BRIEFKASTEN NAMENS SPFS
Wien atmet russisches Gas. Achtzig Prozent seiner Versorgung, sagt die Handelskammer, sagt die Statistik, sagt jeder Geschäftsbericht, den ich in den letzten Jahren aufgeschlagen habe. Die Zahl ist so beständig wie der Nebel über der Donau im November. Sie fällt nicht. Sie steht.
Was passiert, wenn diese Zahl fällt — nicht prozentual, sondern physisch? Wenn die Pipeline kalt wird, weil irgendwo in einem Moskauer Büro jemand entscheidet, dass die Rechnung nicht aufgeht? Dann steht hier kein Energieproblem. Dann steht hier ein Liquiditätsproblem. Dann stehen Banken vor Zahlungsschwierigkeiten, weil ein Swift-Ausschluss russischer Institute die Drähte kappt, an denen auch europäische Gegenparteien hängen. Engpässe, Preissteigerungen — das sind die höflichen Worte. Die unanständigen stehen in keinem Bericht.
Und da beginnt die Geschichte des Briefkastens. SPFS — das System der russischen Zentralbank, eine Kommunikationsplattform für Banktransaktionen, gebaut als Antwort auf westliche Sanktionen. Es sollte die finanzielle Isolation Russlands verhindern. Es bot russischen und einigen ausländischen Finanzinstituten einen sicheren Kanal, fernab von Swift. Und siehe: Die Teilnahme wächst. Länder, die nach Alternativen suchen zu westlich dominierten Finanzsystemen, klopfen an. China klopft lauter als andere. CIPS heißt sein Werkzeug, das gemeinsam mit Russlands Beziehungen Sanktionen umschiffen könnte.
Verteilte Ledger-Technologien sollen Kreditrisiken reduzieren, Kosten und Verarbeitungszeiten für grenzüberschreitende Transaktionen senken. Lokale Währungen sollen fließen, BRICS-Beziehungen stärken. Klingt nach Architektur. Riecht nach Bypass.
Die Frage, die niemand in Wien ausspricht: Wer hat uns in diese Achtzig-Prozent-Falle geführt? Wer hat über Jahrzehnte zugesehen, wie ein einziger Lieferant zur Struktur wurde? Die Energiekonzerne, die Politik, die Kammern, die ich alle kannte. Sie rauchen Pfeife, ich rauche Pfeife — nur sitzen sie in Büros mit Klimaanlage, ich in einem mit Zugluft.
Unklar bleibt, wer in Österreich tatsächlich am SPFS partizipiert. Unklar bleibt, welche Banken sich schon jetzt über alternative Kanäle absichern. Unklar bleibt, ob die Achtzig Prozent Versorgungsrisiko sind oder Druckmittel — und für wen.
Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.