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DIE MASCHINE LERNT UNSERE SCHULD

5. Juli 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Mein Lötkolben zischt. Auf dem Tisch Papiere, die niemand lesen soll. Es geht um Maschinen, die Verbrechen vorhersagen — und um die Verbrechen, die sie dabei selbst begehen.

Die Technik ist verlockend: Daten rein, Wahrscheinlichkeit raus. Klingt nach Kristallkugel. Ist keine. Die Maschine lernt aus der Vergangenheit der Polizei — und die war nie neutral.

Bestimmte Viertel wurden häufiger kontrolliert, bestimmte Gesichter häufiger notiert. Füttert man das in einen Algorithmus, lernt er das Muster der Kontrolle und gibt es als Prognose zurück. Wo viel erfasst wurde, wird mehr erfasst. Ungerechtigkeit wird nicht korrigiert — sie wird automatisiert.

Dazu kommt: viele dieser Systeme stammen von privaten Firmen, oft außerhalb Deutschlands. Wer prüft deren Rechenregeln? Wem gehören die Daten? Rechenschaft endet dort, wo die Firmenadresse im Ausland liegt.

Wird statt Verhalten die sozioökonomische Lage einbezogen, trifft die Maschine keine Verdächtigen mehr, sondern ganze Schichten. Diskriminierung wird unsichtbar, weil sie in Zahlen steckt.

Staatliche Sicherheitskräfte greifen zunehmend zu KI und Überwachungstechnik — und der Grat zwischen Einsatz und Missbrauch ist schmal. Was heute der Fahndung dient, kann morgen der pauschalen Beobachtung dienen. Die Forschung nennt es „Surveillant Assemblage": das stille Zusammenwachsen von Überwachung und staatlicher Macht.

Im Hintergrund schimmert der Überwachungskapitalismus: Daten werden zur Ware, wer sie kontrolliert, kontrolliert den Blick der Polizei. Ohne ethische Datenverwendung und gesetzliche Schutzmaßnahmen fehlt das Gegenmittel.

Erschwert wird die Aufarbeitung durch Zugriffsbeschränkungen auf Forschungsarbeiten zur algorithmischen Fairness. Die Prüfer kommen nicht an die Unterlagen. Unklar bleibt, wer diese Sperren zieht — und wem sie nützen.

Die Maschine urteilt nicht. Sie rechnet. Aber wer ihre Regeln schreibt, wer ihre Daten füttert, wer den Stecker ziehen darf — das sind keine technischen Fragen. Das sind Machtfragen.

Ich schalte das Radio aus. Morgen wieder.

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