Libyens Sand, Europas Siegel
1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.
Heute zähle ich anders. Es sind Zahlen aus Brüssel, die das Schweigen organisieren. Die EU pumpt Geld nach Libyen, Italien liefert Patrouillenboote. Libyen liefert eine Küstenwache, die Boote zurückholt, Migranten in Lager steckt, Folter verwaltet. Menschenrechtsorganisationen sagen das laut. Brüssel sagt: Non-Refoulement sei gewahrt. Wien sagt: Wir sichern die Grenzen.
Wessen Grenzen? Die von Velika Kladuša, wo Familien im Schlamm übernachten. Die von Bihać, wo die Lager platzen, weil die Balkanroute politisch geschlossen wurde — die Menschen kamen trotzdem. Die Schließung hat nichts reduziert, nur die Wege verlängert. Das Geschäft der Schlepper blüht.
Nehammer nennt es beim Namen: Verteilung verschärft das Geschäft der Schlepper. Logik eines Innenministers. Wer profitiert, wenn die Verteilung aufhört, sagt er nicht. Wer profitiert, wenn Italien weniger Asylanträge bekommt als Deutschland, während die Ankünfte in Italien steigen? Eine Asymmetrie, die keiner aufklärt.
In Straßburg sitzen Christdemokraten neben AfD-Abgeordneten und finden gemeinsame Positionen. Die EVP gibt den Ton an, der Rechtsrand die Richtung. Schengen soll funktionieren — aber nur für jene, die schon drin sind. Drittstaatsangehörige werden an Außengrenzen strenger kontrolliert. Die Formulierung klingt nach Verwaltung. Sie meint Ausgrenzung.
Wer unterzeichnet das eigentlich? Wer zählt die Toten vor Lampedusa, vor Tripolis, vor Bihać? Die Deals zwischen Rom und Tripolis, die Milliarden aus Brüssel — sie haben keine Unterschrift, nur Ströme. Geld in eine Richtung. Menschen in die andere.
Mein Koffer unter dem Schreibtisch ist nicht für die Reise. Er ist für die Beweise, die niemand drucken will.