STILLES GAS, LAUTES SCHWEIGEN
Der Hahn ist aufgedreht. Russland pumpt weiter LNG in die EU. Trotz Sanktionen, trotz politischer Spannungen, trotz aller Beteuerungen. Das ist die Wahrheit, die keiner ausspricht.
Auf dem Papier will Brüssel die Daumenschrauben anziehen. Die Einnahmen aus fossilen Brennstoffen sollen gekappt, die Abhängigkeit von russischem Erdgas reduziert werden. Schön und gut. Aber die Realität des Energiemarktes lacht sich kaputt über diese Pläne. Denn der Markt ist kein Papier. Der Markt ist eine Pipeline, die irgendwo ins Meer mündet, und an deren Ende ein Terminal steht.
Und hier beginnt die Spur, die keiner verfolgen will. Europäische Reedereien und Versicherer spielen eine zentrale Rolle im Handel mit russischem LNG. Sie sind das Rückgrat dieses Geschäfts. Sie wissen, was sie transportieren. Sie kennen die Routen, die Firmen, die Zahlen. Nur — sie reden nicht.
In Deutschland gibt es zwei bundeseigene Unternehmen, die es eigentlich wissen müssten: die Deutsche Energy Terminal, kurz DET, und die SEFE Energy GmbH. Beide sind dem Staat gehörig, beide sitzen an Knotenpunkten des Gasflusses. Ich habe gefragt. Beide geben keine Auskunft über mögliche russische LNG-Transaktionen. Kein Statement, keine Bestätigung, kein Dementi. Schweigen.
Dann kursiert ein Schreiben. Es soll aus dem Bundeswirtschaftsministerium stammen, gerichtet an deutsche Terminals, mit der Anordnung, russisches LNG nicht mehr zu importieren. Klingt nach Härte. Klingt nach Konsequenz. Doch das Ministerium bestreitet die Existenz einer solchen Anweisung. Was stimmt jetzt?
Unklar bleibt, wer tatsächlich an den Terminals den Hahn zudreht — und wer ihn aufhält. Die USA drücken aufs Tempo, wollen ein früheres Embargo. Washington würde davon profitieren. Europas Abhängigkeit bleibt, auch in Zeiten geopolitischer Spannungen. Und Russland? Russland kassiert.
1937 hat jemand den Hahn aufgedreht. Heute dreht ihn keiner zu.