Stempel, Scheine, Schweigen im KVR
München. Das KVR. Kreisverwaltungsreferat. Die Behörde, in der Pässe gemacht werden. Oder Pässe verkauft. Kommt darauf an, wen man fragt.
TIE ermittelt. Was bisher auf dem Tisch liegt, liest sich wie das Inventar einer gut geölten Maschine: Mitarbeiter, die gegen Bares Bescheinigungen für Ausländer ausstellen, ohne zu prüfen. Keine Frage nach Herkunft, kein Blick ins Gesetz. Eine Unterschrift, ein Stempel, Geld wechselt die Hand. So einfach ist das. So einfach darf das nicht sein.
Vietnamesische Antragsteller, so die Akten, sollen rechtswidrige Aufenthaltsgenehmigungen erhalten haben. Gegen Zahlung. Ein externer Beschuldigter soll gefälschte Dokumente hergestellt und Entgelte an die Mitarbeiter geflossen sein. Ein weiterer Angeklagter — die Anklage spricht von regelmäßigen Bestechungen — soll Mitarbeiter bestochen und mit den gefälschten Papieren Migranten Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Einreise nach Deutschland angeboten haben. Dienstleistungen. Das Wort steht so sauber im Protokoll. Was es bedeutet: Menschen werden durch ein System geschleust, das eigentlich schützen soll.
Die Beschuldigten haben eingeräumt. Das ist selten. Wer bei Bestechung im öffentlichen Dienst redet, redet gegen sich selbst — oder gegen jemand, der noch belastbarer ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in zwei Komplexen. Mehrere Beschuldigte. Das ist kein Einzeltäter. Das ist eine Struktur. Die Rede ist von einer Bande, die systematisch Dokumente fälschte und Bestechungsgelder annahm. Systematisch. Das Wort wiegt schwer.
Die Landeshauptstadt München spricht von Null-Toleranz und lobt sich dafür, schnell auf Hinweise aus der Behörde selbst reagiert zu haben. Das klingt nach Aufklärung. Es klingt auch nach: Jemand hat die Nase voll gehabt. Jemand hat riskiert, alles zu verlieren. Über diese eine Person schweigen die Pressemitteilungen. Aus gutem Grund.
Offen bleibt, wie lange das lief. Offen bleibt, wie viele Stempel in den Schubladen liegen, die niemand zählt. Offen bleibt, wer die Kasse führte. Und offen bleibt die Frage, die TIE weiter treibt: Wer profitiert, wenn die Pforte offen steht? Nicht die Migranten. Sie bezahlen. Sie tragen das Risiko. Sie stehen am Ende vor einem Richter, der ihren Stempel nicht mehr lesen kann.
München zeigt den Stempel. TIE zeigt dahinter.