85 Millionen sehen zu, niemand die Kinder
Dreißig Sekunden braucht der Algorithmus an der bulgarischen Grenze, um ein Gesicht zu scannen, das in keine Datenbank passt. Dahinter sitzt ein Mensch. Dahinter sitzt immer einer.
Ich habe die Liste gelesen. 85 Millionen Euro zur Stärkung der Kapazitäten an den Außengrenzen. Gestärkt wird, was die Grenze dicht hält: hochentwickelte Technologien, modernisierte Überwachung, polizeiliche Zusammenarbeit im Schengen-Raum. Die Aufnahmezentren in Bulgarien sind zu 75 Prozent ausgelastet. Geplant ist Erweiterung der Kapazitäten für Minderjährige. Mehr Platz hinter Zäunen, bezahlt mit EU-Geld.
Wer profitiert? Große Rüstungsunternehmen, deren Namen in keinem Flüchtlingsformular stehen. Die EU kooperiert mit ihnen. Das ist die Priorisierung: nicht die humanitäre Pflicht, sondern Sicherheit durch technologische Mittel. Das eine schließt das andere aus. Im Haushalt jedenfalls.
Die Asylverwaltung kämpft mit Überbelegung, Personalengpässen, finanziellen und bürokratischen Hürden. Offizielle Sprache. Übersetzt: zu viele Menschen, zu wenig Leute, zu viel Papier, zu wenig Geld. Das Geld fließt. Wohin?
2015. Die Flüchtlingskrise wurde verstärkt durch die Verflechtung des EU-Mehrebenensystems und die Zuständigkeitsfrage. Klingt nach Seminar. Aber jede Familie, die ich beraten habe, ist an dieser Verflechtung zerbrochen. Wer ist zuständig? Niemand. Alle. Bis das Kind allein in einem Aufnahmezentrum sitzt.
Initiativen zur Entflechtung und Erweiterung von Zuständigkeiten sind an fehlender Zustimmung der Mitgliedstaaten gescheitert. Wer hat nicht zugestimmt? Niemand will es gewesen sein.
Das System bleibt: verstrickt, überlastet, unterfinanziert dort, wo Menschen wohnen, üppig ausgestattet dort, wo Maschinen sehen. Die Hochtechnologie der Abschottung wird weiter bezahlt. Unklar bleibt, wer die nächsten Aufträge erhält. Unklar, welche Gesichter morgen nicht erkannt werden. Bleibt: 75 Prozent. Und ein Koffer unter dem Schreibtisch.