← Zurück zur Titelseite Umwelt

REDD+: WO DER WALD ZUR ZAHL WIRD UND DIE ZAHL LÜGT

6. Juli 2026 — — — Doc Brenner, irgendwo im Staub

Ich habe Bohrkerne gelesen, die älter waren als jeder Markt. Sie lügen nicht. Zahlen, die für Bilanzen gemacht werden, lügen oft. Die Erde schreibt seit Jahrtausenden — die Abrechnung eines Forstprojekts schreibt für ein Quartal. Welche Schrift hält länger?

Die erste Generation der REDD-Projekte — jener Mechanismus, der entgangene Entwaldung in handelbare Zertifikate verwandeln soll — hat nach unabhängigen Schätzungen 10,7 Mal mehr vermiedene Entwaldung beansprucht, als tatsächlich gerechtfertigt war. Zehn Komma sieben. Eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss wie abgestandenes Wasser. Sie schmeckt nach Bilanzfälschung, schreibt sich aber wie Erfolg.

Die Diskrepanz, sagt die Forschung, liegt nicht in den Waldbedeckungsdaten. Sie liegt in den Vergleichsgebieten — dort, wo gemessen wird, was ohne das Projekt geschehen wäre. Diese Kontrollflächen wurden so gewählt, dass das Ergebnis bereits vor dem ersten Spatenstich feststand. Die Definitionen des Entwaldungsrisikos waren ungenau, die Vergleichsgebiete unrepräsentativ. Anders gesagt: Man hat die Latte gelegt, wo man sie mühelos überspringen konnte. Und sich den Sprung bezahlen lassen.

Wer profitiert? Die Emittenten der Zertifikate, die Entwickler, die Broker — und jene Konzerne, die sich ihren ökologischen Abdruck mit Papier aus den Tropen abrechnen. Afrika hat 2024 etwa 75 Millionen Kohlenstoffgutschriften im Wert von rund 15 Milliarden US-Dollar ausgegeben, 14 Prozent des globalen freiwilligen Marktes. Eine Summe, die nach Aufbruch klingt und nach Überangebot schmeckt. Denn die Überbewertung produziert Überschuss. Überschuss drückt Preise. Niedrige Preise fressen Glaubwürdigkeit.

Und doch — hier wird die Sache interessant — die meisten REDD-Projekte haben tatsächlich Entwaldung reduziert. Das Instrument wirkt. Die Anreize greifen. Nur die Buchführung ist faul. Das macht die Lüge nicht kleiner, sondern gefährlicher: Sie sitzt nicht im Werkzeug, sondern in der Hand, die es führt.

Unklar bleibt, wer die Kontrollgebiete ursprünglich festgelegt hat und welche Methodik den Markt überhaupt erst in diese Form brachte. Auch wohin die Übergewinne zwischen Entwicklern, lokalen Gemeinschaften und Investoren tatsächlich flossen, hält sich im Halbdunkel der Geschäftsberichte.

Naturgesetz: Was nicht gemessen wird, wächst weiter. Was falsch gemessen wird, wächst nur auf dem Papier.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite