Solidarität, die ihren Namen nicht bezahlt
Ich habe einen Koffer unter dem Schreibtisch. Nicht weil ich bald reise. Sondern weil ich oft genug gesehen habe, wie schnell ein Mensch in dieser Union zum Gepäck wird.
Macron ruft, Sánchez nickt. Paris und Madrid fordern finanzielle Solidarität. Auf Deutsch: zahlt, oder ihr werdet bestraft. Klingt nach Gerechtigkeit. Ist es nicht. Wer profitiert? Brüssel. Wer zahlt? Die, die jetzt schon zahlen — und die Menschen, die zwischen Dublin und Warschau zerrieben werden.
Schäuble spricht von Rückführungen. Falsche Anreize, sagt er. Als wäre Verzweiflung ein ökonomisches Kalkül. Schäuble kennt das Wort Anreiz — er hat es in Athen und Lissabon geübt. Jetzt soll es gegen Menschen funktionieren, die nichts mehr haben.
Der neue Asylpakt verspricht Unterscheidung. Schutzberechtigt oder Wirtschaftsmigrant. Als ließe sich Hunger per Aktenzeichen sortieren. Wer entscheidet in Dublin-Büros, welches Trauma echt genug ist? Ich kenne Syrer, denen die Genfer Konvention nichts half, weil der Sachbearbeiter einen langen Tag hatte.
Griechenland macht dicht. Geschlossene Zentren, Schnellverfahren, schnelle Abschiebungen. Lesbos, Samos. Was heißt hier schnell? Drei Tage Anhörung für ein Leben. Wer profitiert von einer Maschine, die Menschen so schnell wieder ausspuckt, dass niemand sie sieht?
Italien. Rom schreit seit Jahren, Brüssel hört erst jetzt — und hört falsch. Wenn die EU hart bleibt, wächst die Lega, wächst die Fünf-Sterne-Bewegung. Wer profitiert? Salvini. Wer zahlt? Die Migranten an der Südgrenze, und am Ende alle, die in einer Union leben, die ihre eigene Politik nicht aushält.
Und dann: Zusammenarbeit mit zweifelhaften Kräften. So steht es im Papier. Das heißt: mit der libyschen Küstenwache, die in Lagern foltert. Mit dem türkischen Grenzregime, das Menschen als Druckmittel benutzt. Unvermeidlich, heißt es. Das Wort, das wir benutzen, wenn wir nicht hinschauen wollen.
Macron will keine Zentren außerhalb der EU. Sánchez auch nicht. Es klingt nach Selbstbestimmung. Es ist Angst — Angst davor, dass Europa seine Grenzen schützt, indem es Menschen verschwinden lässt. In der libyschen Wüste. In griechischen Lagern. In Schnellverfahren, die niemand prüft.
Ich rufe Namen, wenn ich sie kenne. Heute rufe ich Strukturen. Eine Union, die finanzielle Solidarität fordert, aber Schnellverfahren feiert. Die Schäuble beim Wort nimmt, aber Italien ignoriert. Die mit Folterern kooperiert, weil es bequem ist.
Der Koffer bleibt unter dem Schreibtisch. Aber ich rechne damit, dass er gebraucht wird.