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FREI ZUGÄNGLICH, STRENG BEWACHT: DAS PARADOX DER OFFENEN WISSENSCHAFT

8. Juli 2026 — — — Prof. Kessler

Die Pfeife glüht. Die Akten auch.

Dreißig Jahre Laborluft atmen heißt dreimal so viele Aktenordner lesen. Und in jedem steht dasselbe Versprechen: Diesmal machen wir es richtig. Diesmal kontrollieren wir uns selbst. Die Bühne wechselt, das Skript bleibt.

Open Science — klingt wie eine einladende Geste. Daten öffentlich, Methoden transparent, Wissen für alle. Eine schöne Architektur im Stil der zwanziger Jahre. Aber wer steht hinter der Tür, die offen steht? Wer kontrolliert, was durch sie hindurchgeht?

Die WHO erkannte 2012 in einer Konsultation die ethischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und sicherheitsrelevanten Implikationen der sogenannten DURC — Dual Use Research of Concern. Man erkannte sie. Man benannte sie. Dann klappte man die Akte zu, ohne sie zu durchsuchen. Das ist keine Wissenschaft. Das ist ein Signal.

2011 schufen zwei Studien H5N1-Viren, die zwischen Frettchen übertragen werden konnten. Ein technischer Durchbruch. Auch ein gesundheitlicher Albtraum. Die Biosicherheitsdebatte entflammte — und verpuffte zwischen den nächsten Förderzyklen.

Die neue Politik will umfassender regulieren: DURC und potenziell pandemische Pathogene. Schön. Doch wer schreibt die Risikobewertungen? Die Forscher selbst. Wer identifiziert die Risiken bei Antragstellung oder während laufender Experimente? Wieder sie. Wer entwickelt die Minderungspläne? Wieder sie. Sicherheit durch Selbstauskunft — die Tabakindustrie nannte es früher product stewardship.

Die Schulung des Laborpersonals, heißt es, sei entscheidend. Richtig. Aber wer bezahlt sie? Wer prüft, ob das Gelernte angewendet wird, wenn die Deadline drückt und der Antrag sonst verfällt? Wer evaluiert unabhängig?

Der entscheidende Bruch liegt zwischen top-down Governance und purer Selbstregulierung. Eine Politik, die diesen Spalt nicht benennt, hat ihn bereits gewählt. Es braucht technologische Kontrollen — Biosafety-Levels, die wirklich eingehalten werden. Es braucht dialogische Verfahren — Ethikräte, die nicht erst nach dem Ausbruch tagen. Es braucht personelle Standards — geschulte Hände und geschulte Augen. Alle drei gleichzeitig, oder keines.

Open Science verspricht Transparenz. Doch Transparenz ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug. Werkzeuge werden benutzt. Von wem, wozu, mit welcher Wirkung?

Unklar bleibt, wer die Schulungen unabhängig evaluiert. Unklar bleibt, wie DURC-Erkennung funktioniert, wenn Publikationsdruck und Karriere dagegenstehen. Und am Ende bleibt jene Frage, die ich seit dreißig Jahren stelle:

Wessen Sicherheit wird hier eigentlich geschützt — unsere, oder die der Forschungsfreiheit?

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