← Zurück zur Titelseite Wirtschaft

Die Erde trinkt Gift. Brüssel trinkt Tee

8. Juli 2026 — — — Ida Feuerbach

Millionen. Nicht als Schätzung, nicht als Schlagzeile, sondern als Körper, die in Lagerräumen krampfen, in Reisfeldern liegen, in Zuckerrohrplantagen zusammenbrechen. Millionen akuter Pestizidvergiftungen im globalen Süden, jährlich. Dazu Suizidversuche, die keine sind und keine sein dürften — weil ein Mensch ohne Handschuhe und ohne Maske eine Flasche zur Hand nimmt, die er nicht lesen kann. Mangelnde Schutzmaßnahmen, mangelnde Umweltstandards. So steht es in den Berichten. So steht es nie in den Bilanzen.

Hier wird ermittelt. Die Menge der weltweit eingesetzten Pestizide hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt. Die Absatzmärkte? Gewandert. Von Europa und Nordamerika nach Südamerika. Was im Binnenmarkt der Moral gilt, gilt am Rand der Welt als Handelsrecht. Das ist kein Zufall. Das ist eine Struktur. Konzerne, die in Brüssel höflich die Hände falten, schicken die Wirkstoffe, die ihnen hier zu heiß werden, dorthin, wo die Aufsicht dünn und der Boden billig ist. Das Vorsorgeprinzip, das der Europäische Gerichtshof nun bestätigt hat, gilt nur für die Felder, die Brüssel sehen kann.

Der EuGH hat das Verbot der Neonikotinoide bestätigt, basierend auf Gutachten der EFSA und dem Vorsorgeprinzip. Ein Verbot von Fipronil indes wurde gerügt, weil die Folgenabschätzung fehlte. Auch das gehört zur Wahrheit: Brüssel verbietet mit Akten, nicht immer mit Augenmaß. Doch das Verbot steht. Was bleibt, sind die Notfallzulassungen und jene bienenschädlichen Pestizide, die im Sortiment bleiben, weil keine Stimme sie streicht. Die Lücken im Zaun, durch die weiterwandert, was Bienen tötet.

Die heimische Imkerei fordert klarere Kennzeichnung von Honig, Fruchtsaft und Marmelade. Verbraucherschutz heißt das Wort auf dem Papier. Imker sagen: Wenn das Glas nicht sagt, woher das Futter kommt, ist der Käufer das Versuchskaninchen. Offen bleibt, wer die Importe kontrolliert, wenn die Wirkstoffe im Transit andere Namen tragen als in den Akten. Offen bleibt, wer prüft, ob das, was wir hier verbieten, dort erlaubt weiterproduziert und morgen wieder importiert wird.

Es bleibt das Feld. Es bleibt das Glas. Es bleibt die Frage, wer für das Gift zahlt, das er nicht bestellt hat.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite