Die Architektur der Abwehr
Ein Lastwagenfahrer aus Damaskus schickt jeden Monat vierhundert Euro nach Hause. Brot, Schulhefte, ein Antibiotikum. Das ist die stillste Rettungsleine der Welt. Migranten arbeiten in verschiedenen Sektoren, ihre Überweisungen stärken Entwicklung und Stabilität. So steht es in den Berichten. So steht es selten in den Schlagzeilen.
Wer profitiert davon, dass wir diese Menschen aussperren?
Migration ist oft eine Reaktion auf Konflikte, Naturkatastrophen, wirtschaftliche Instabilität, verstärkt durch Klimaereignisse. Wer sich auf den Weg macht, flieht vor dem, was vom Leben übrig blieb. In Zusammenarbeit mit der Türkei wurden Grundbedürfnisse, Bildung und Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge ausgebaut. Die EU plant, ihre finanzielle Unterstützung auch über 2023 hinaus zu verlängern. Das klingt nach Großzügigkeit. Es klingt nach einem Preis, der außerhalb unserer Grenzen bezahlt wird.
Die Maßnahme soll Anreize für illegale Migration reduzieren und Ressourcen auf jene konzentrieren, die vor echten Risiken fliehen. Wer definiert das „echte" Risiko? Die neue Regelung erlaubt Mitgliedstaaten, Asylanträge aus diesen Ländern als unzulässig abzulehnen — es sei denn, der Antragsteller weist seine spezifische Gefährdung nach. Das Wort „spezifisch" verlangt von einem Menschen, der alles verloren hat, den Beweis, dass er genau das Richtige verloren hat.
Gegen Schleusernetzwerke läuft ein Aktionsplan 2021 bis 2025 zur Bekämpfung von Schleuserkriminalität und Menschenhandel. Gut. Aber: Wer Schleuser bekämpft, bekämpft nicht die Ursachen. Er bekämpft die sichtbarste Spur.
Die Zahl irregulärer Grenzübertritte ist seit 2015 deutlich gesunken, 2024 um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Man erzählt es als Erfolg. Erfolg wofür? Für jene, die blieben, wo es kein Bleiben mehr gibt?
Der Fahrer heißt Yousef. Ich habe das Geld zusammengerechnet.
Unklar bleibt, wer an dieser Architektur verdient. Die Antwort steht nicht in den Berichten. Sie steht in den Formularen, die ich ausgefüllt habe. Für Menschen, die keiner haben wollte.