DER ZWEITE HAHN
Der Hahn ist auf. Der Hahn geht zu. Dazwischen liegt ein Kontinent.
Russland drosselt die Lieferungen durch Nord Stream 1. Aus politischen Gründen — so heißt es offiziell. Wer auf Bohrfeldern gearbeitet hat, kennt das Spiel: Wenn einer den Hahn zudreht, hat er vorher dreimal gerechnet. Alternative Routen existieren. Sie werden nicht genutzt. Das ist kein Zufall. Das ist Strategie.
Jerzy Buzek hat das erkannt. Der ehemalige Premier legt einen Entwurf für eine neue EU-Richtlinie vor. Nord Stream 2 soll unter strengere europäische Rechtsvorschriften. Gegen Monopolbildung. Gegen Intransparenz. Wer die Pipeline kontrolliert, kontrolliert den Preis. Wer den Preis kontrolliert, kontrolliert Regierungen.
Die USA und Polen lehnen das Projekt ab. Sie sehen, was andere wegsehen: Eine zweite Röhre macht Deutschland abhängiger von russischem Gas. Die westliche Allianz bekommt einen Riss. Ob sie ihn überlebt, wenn das Gas fließt, ist die Frage, die niemand laut stellt.
Die Pipeline könnte bis Ende des Jahres voll laufen, die Versorgung erhöhen, die Preise drücken — oder treiben, je nachdem, wer am Ventil sitzt. Steigende Energiepreise zwingen jetzt schon Regierungen zu Milliardenpaketen. Anpassungen quer durch alle Sektoren. Währenddessen rechnet irgendwer in einem Boardroom nach, wie viel Druck ein Winter aushält.
Nord Stream 2 steht unter Druck. Die geopolitischen und wirtschaftlichen Folgen für Russland und Deutschland sind kaum absehbar. Unklar bleibt, wer am Ende den Hebel hält — der Kreml, der seine Hebelwirkung ausbaut, oder jene Konzerne, die zwischen den Fronten verdienen. Sicher ist: Es sind nicht die Leute, die im Winter frieren.