WENN ABU DHABI GEHT, BRÖCKELT OPEC
Abu Dhabi steigt aus. Sagt man so. Schreibt man so. Und die Börsen zucken, als hätte jemand ein Seil durchgeschnitten. Die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen die Förderquote — und mit ihnen bricht ein Stück der Architektur weg, die seit Jahrzehnten den Ölpreis von Wien, Riad und Abu Dhabi aus dirigiert hat. OPEC verliert nicht nur ein Mitglied. OPEC verliert Gewicht. Die Fähigkeit, den Markt zu steuern, schwindet.
Was bleibt, ist ein Kartell auf dünnem Boden. Der Anteil am globalen Ölangebot schrumpft seit Jahren. Mitglieder wollen raus aus den Quoten, weil sie ihre eigenen Felder allein besser verkaufen können. Die VAE macht es jetzt vor. Andere werden zusehen. Andere werden nachziehen. Wer Quoten aufzwingen will, braucht Marktmacht. Wer keine Marktmacht mehr hat, schreibt nur noch Briefe nach Riad.
Der Iran-Krieg und die geopolitischen Spannungen halten die Preise kurzfristig hoch. Das ist kein Trost für OPEC. Das ist Unruhe. Hohe Preise durch Unsicherheit sind kein Beweis für Stärke — sie sind ein Symptom. Der Hahn wird jetzt woanders aufgedreht. Nicht mehr von Wien. Nicht mehr von Ministern, die auf Pressekonferenzen so tun, als hätten sie noch alle Hebel in der Hand.
Und dann die Geschäfte im Hintergrund, über die kaum einer spricht. Die strategische Partnerschaft zwischen Washington und den Golfstaaten — Saudi-Arabien, die VAE — ist nicht in erster Linie eine Ölpartnerschaft. Sie ist eine Sicherheits- und Investitionspartnerschaft. Langfristig angelegt. Wer das Öl kontrolliert, kontrolliert die Energieflüsse. Und wer die Energieflüsse kontrolliert, sitzt mit am Tisch, wenn es um Lieferketten geht — auch um solche, die gerade nicht mehr fließen. China hat Exporte bei seltenen Erden eingeschränkt. Das trifft Produktionsketten weit weg von der Wüste. Wer keine Antwort hat, gerät in Abhängigkeit. Die Golfstaaten werden plötzlich nicht nur Öllieferanten — sie werden Partner in einem Spiel, das weit über das Barrel hinausgeht.
Unklar bleibt, wer in den Boardrooms der Konzerne gerade nachjustiert und wer im Hintergrund die Fäden zieht, die OPEC verliert. Klar ist: Das Kartell hat den ersten echten Riss. Und durch Risse fließt Öl.