Seltene Erden, lange Schatten
Man schreibt das Jahr 2024, aber der Geruch ist alt. In den Salons von Brüssel, wo man sich noch immer siezt, wenn man einander eben nicht vertraut, wird derzeit ein Dokument gewendet, das wie ein Versprechen aussieht und wie ein Verteidigungsplan riecht. Die Europäische Union, heißt es, wolle ihre Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen reduzieren und sich dafür mit Japan und Australien zusammentun. Man nennt das Diversifizierung. Die Damen und Herren, die diesen Begriff verwenden, tragen Handschuhe. Die Handschuhe sind aus Seide.
Ursula von der Leyen spricht von Einheit, von der Notwendigkeit, China als systemischen Rivalen zu begreifen, und man hört ihr zu wie einer Predigt — andächtig, aber mit dem Blick zum Ausgang. Wer in Genf je Verträge hat altern sehen, weiß: Das Papier hält, solange es niemand anfasst. China, so sagt man uns, nutze eine Reihe von Techniken, um seine Botschaften in Europa zu verstreuen und Unterstützung für russische Positionen zu gewinnen. Eine Reihe von Techniken. Wie höflich formuliert. Dahinter verbirgt sich, was man eine Architektur des Lächelns nennen könnte: Konferenzen, die keine sind; Emissäre, die niemand kennt; Memoranden, die niemand liest.
Die Frage, die niemand stellt: Wer hat dieses Gebäude errichtet? Jahrzehnte, in denen Europa seine Schatzkammern gegen billige Seltene Erden eingetauscht hat. Jahrzehnte, in denen man in Afrika um saubere Technologie konkurrierte und das Wettrennen verlor, bevor es begann. Nun also Japan, Australien — verlässliche Namen, ältere Bündnisse, Minen unter demokratischer Aufsicht. Man darf das glauben. Man darf auch fragen, wer die Rechnung bezahlt.
Grüne und digitale Transformation, heißt es weiter, Handelsstreitigkeiten durch Dialog. Die schönen Worte einer Sprache, die man pflegt, damit man nichts sagen muss. China und die EU mögen, so die Forderung, ihre Beziehungen unabhängig von Drittparteien gestalten — ein Satz, der wie ein Altar klingt und einen Tresor meint. Verteidigung europäischer Werte, regelbasiertes multilaterales System: Man hört diese Worte und sieht, wie die Hände darunter zittern.
Ermittelt wird hier kaum. Was wir sehen, ist die übliche Choreographie: eine kohärente EU-China-Strategie, die alle Interessen der Union berücksichtigt — also niemanden vor den Kopf stößt, also niemandem in die Quere kommt. Es ist das Vokabular derer, die überleben wollen, nicht derer, die regieren. Seltene Erden, lange Schatten, und am Ende des Spiels hat jemand gelächelt, der nicht hätte lächeln sollen.