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Sortiert nach Aktenlage: Wie die EU Asyl verschiebt

8. Juli 2026 — — — M. Silber

Ich sitze vor Aktenstapeln, die nach Salz riechen. Auf Lesbos, Chios, Samos dieselbe Sprache: Anhörung verschoben. Termin vertagt. Verfahren offen. Seit Jahren offen. Das ist die humanitäre Krise, von der Brüssel in Sonntagsreden schweigt.

Die EU-Türkei-Erklärung von 2016 sollte irreguläre Migration reduzieren, indem Schutzsuchende in die Türkei zurückgeführt werden. Das Papier ist unterzeichnet. Die Wirklichkeit: Rückführungen finden selten statt. Ein Bruchteil dessen, was das Abkommen vorsah. Wer hat es geschrieben? Wer hat es nicht gelesen?

Auf den Inseln wird sortiert. Nach Herkunft, nach Aktenlage, nach dem, was die Anhörer als „aussichtsreich" einstufen — und was nicht. Familien, die ich kenne, warten seit drei Jahren auf eine erste Anhörung. Drei Jahre. In Containern. In Zeltbahnen, die im Winter zu Eis werden.

In Berlin, Wien, Paris werden die Debatten laut: Grenzkontrollen, Sicherheitspolitik, Wirksamkeit. Frankreich und Österreich unterstützen die faktische Schließung der Balkanroute. Kanzlerin Merkel lehnt die Schließung der Grenzen ab und plädiert für eine gemeinsame Lösung mit der Türkei. Wer profitiert? Die privaten Lagerbetreiber? Die Anwaltskanzleien? Die NGOs, die zwischen Brüssel und Athen vermitteln — und daran gut verdienen?

Die EU-Asylreform wird seit Jahren verhandelt. Experten aus Theorie und Praxis werden eingebunden, in Ausschüsse, in Papiere. Die Wirklichkeit auf den Inseln kommt nicht vor. Oder: Sie kommt vor, aber als Fußnote.

Merkel hat recht. Eine Lösung mit der Türkei ist nötig. Aber was ist eine Lösung, wenn das Abkommen Ausnahme bleibt? Wenn das Personal fehlt, Verfahren verschleppt werden, Rückführungen nicht stattfinden — dann ist es kein Instrument der Steuerung, sondern eine Legende, hinter der sich die Mitgliedstaaten verstecken.

Wem nützt das Schweigen? Die Antwort steht in den Gesichtern der Kinder auf Samos. Sie schweigen. Ihre Akten sprechen für sie. Niemand hört zu. Die Paragrafen schweigen mit.

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