NEUE ETIKETTEN, ALTE SÜCHTE: WER ZAHLT FÜR DIE TRANSPARENZ?
Die FDA druckt neue Warnungen auf die Schachteln. Ärzte sollen klarer verschreiben, Patienten klarer lesen, die Kette der Verantwortung soll glänzen wie Chrom auf einer Limousine. Doch wer den Beipackzettel umdreht, findet die alte Frage: Wer hat das Papier bezahlt, auf dem die Wahrheit stehen soll?
Die Behörde reagiert, weil sie muss. Daten, die sie selbst jahrelang in Schubladen verwahrte, zeigen nun, was jede Klinik in den Industriestädten längst wusste: Langzeit-Opioide machen abhängig, machen krank, machen tot. Missbrauch, Abhängigkeit, Überdosierung — drei Wörter, drei Epidemien, die ineinander greifen wie Zahnräder in einer schlecht gefetteten Maschine. Die Programme zum Risikomanagement? Papier. Die Notaufnahmen füllen sich, die Leichensäcke auch.
Erinnert sich noch jemand an OxyContin? Die FDA genehmigte das Präparat mit dem Versprechen, die kontrollierte Freisetzung werde das Missbrauchspotential verringern. Eine schöne Theorie. Die Praxis sah anders aus: zermahlen, geschnupft, gespritzt — und die Toten kamen trotzdem. Eine Annahme, die sich als falsch herausstellte, ist im Behördenjargon kein Fehler. Es ist ein Geschäftsmodell.
Wiederholte Manipulationen an Studien, unzureichende Sicherheitsprüfungen — das sind keine Ausrutscher, das ist ein Muster. Mehrere Wirkstoffe wurden vom Markt genommen, weil ihre Nebenwirkungen schwerer wogen als der Profit auf dem Bilanzstrich. Jede dieser Rücknahmen ist ein Indiz dafür, dass im Zulassungsverfahren etwas fehlt, das im Strafrecht unter fahrlässiger Tötung verhandelt würde.
Und wenn staatliche Programme wie Medicare die Rechnung der Tragödie bezahlen, wird aus Fahrlässigkeit ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Verschweigen ungünstiger Daten, falsches Darstellen von Studienergebnissen gegenüber der FDA — das sind keine Kavaliersdelikte. Das sind die Mechanismen, mit denen Konzerne Gewinne privatisieren und Risiken vergesellschaften.
Unklar bleibt, ob die neuen Etiketten mehr sind als gehobene Sichtbarkeit auf einem Beipackzettel, den ohnehin niemand liest.