Steueroasen unter der Lupe — die Architekten im Schatten
Die Cayman-Inseln erheben praktisch keine Steuern. Keine Einkommensteuer, keine Unternehmenssteuer, keine Kapitalertragssteuer. Der Staat finanziert sich über Importzölle und Lizenzen für Fonds, Versicherungen, Treuhänder. Klingt nach karibischer Nische. Ist aber das Rückgrat einer Maschine, die Vermögen rund um den Globus schleust, ohne dass jemand Rechenschaft ablegt. Das Zentrum ist abhängig von der Weltkonjunktur, die Fortschritte in der Transparenz der letzten Jahre ändern wenig an der Grundlogik.
Ich folge dem Geld. Es führt auf Inseln, über denen Palmen mit Buchführungskonstrukten konkurrieren. Auf den Cayman-Inseln sind Briefkastenfirmen in großer Zahl registriert. Hinter jeder steht ein Eigentümer, der nicht genannt werden will. Anonymität ist hier kein Nebeneffekt, sondern Produkt. Wer zahlt, kauft Verschwiegenheit im Dutzend.
Panama ging einen verwandten Weg, nur lauter sichtbar. Einst berüchtigt als Umschlagplatz für illegale Geschäfte, hat es sich als bedeutender Finanzplatz etabliert. Die Kanzlei Mossack Fonseca wurde zum Sinnbild dieser Industrie, international tätig, spezialisiert auf Offshore-Gesellschaften, immer wieder im Zentrum von Skandalen. Sie berät Mandanten, die Vermögen vor heimischen Steuerbehörden verbergen wollen. Das Geschäftsmodell: Komplexität als Schutzschild.
Dann platzten die Panama Papers. Eine Datenflut, die zeigte, was Eingeweihte längst wussten. Unternehmen, Politiker, Privatpersonen, Briefkastenfirmen im Dauerbetrieb, um Steuern zu vermeiden. Das Ausmaß wurde sichtbar. Die Lösung nicht. Wie viele solcher Strukturen existieren, welche Summen darüber laufen, die Quantifizierung bleibt schwierig. Die Bekämpfung erst recht.
Das Prinzip indes ist uralt. Früher mauerte man Fenster zu, um keine Fenstersteuer zu zahlen. Heute verschachtelt man Holdings über Dutzende Jurisdiktionen, mit Treuhändern, Mandataren, Strohmännern. Die Mechanik hat sich verfeinert. Die Absicht nicht.
Die EU führt eine schwarze Liste der Steueroasen, erweitert sie, um Länder zu sanktionieren, die internationalen Steuertransparenzstandards nicht genügen. Gleichzeitig wird die Liste kritisiert, weil sie sich nur auf Drittländer bezieht. Die Wirksamkeit im Kampf gegen Steuerbetrug wird angezweifelt. Was als Fortschritt verkauft wird, ist oft nur ein Schritt in einem Wettrennen, das nicht endet.
Die wahren Profiteure sitzen nicht in den Hauptstädten der gelisteten Länder. Sie sitzen in den Vorstandsetagen, die sich beraten lassen. In den Kanzleien, die die Konstrukte zeichnen. In den Banken, die die Drähte spannen. Offen bleibt im Einzelfall, welche konkreten Akteure hinter einer Struktur stehen, das Muster indes ist erkennbar. Das System nützt denen, die es bezahlen. Solange das Geld Wege findet, bleiben die Archipele der Verschwiegenheit offen.