Die Push-Back-Architektur: Wer schweigt, wer profitiert
1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.
Heute keine Jahreszahl im Kopf. Aber die Mechanik ist dieselbe. Menschen werden in ein Land zurückgebracht, in dem sie nicht leben wollen. Die libysche Küstenwache fängt sie auf dem Mittelmeer ab. Bringt sie zurück. Zurück in Lager, in denen Folter, Versklavung und sexueller Missbrauch dokumentiert sind. Das nennt sich Push-Back. Es ist illegal. Es geschieht täglich. Europa wäscht seine Hände in der Wüste.
Die Architektur ruht auf vier Säulen. Erstens: Boote der libyschen Küstenwache, besetzt mit überforderten Crews, ausgebildet, finanziert und ausgestattet von der EU. Zweitens: Malta, das Seenotrettung aktiv verhindert und mit internationalen Rettungsorganisationen nicht kooperiert. Drittens: eine inoffizielle Vereinbarung zwischen Malta und Italien, nie unterzeichnet, aber bindend — wer aus dem Wasser gezogen wird, geht nicht nach Malta. Viertens: Matteo Salvinis Asylpolitik in Italien, in der geschlossene Häfen und Strafverfahren gegen Helfer zum Programm gehören. Borderline Europe dokumentiert jede Schicht dieses Systems. Die Staatsanwaltschaft antwortet mit Anklagen gegen Kapitäne, die retteten.
Wem nützt das? Den Innenministern in Rom und Valletta. Den Wahlumfragen. Der EU-Statistik, die sauber bleiben soll. Den Konflikten, die Pull-Faktoren schaffen, die wir dann mit Zäunen und Küstenwache bekämpfen. Push-Faktoren, die nicht aufhören: Krieg, Hunger, Klimakatastrophen. Pull-Faktoren, die sich nicht abschalten lassen: Informationen, Hoffnung, ein letzter Ausweg. Wir schieben die Menschen trotzdem zurück. Mit Geld, das wir der libyschen Küstenwache überwiesen haben. Unser Geld. Für unser Schweigen. Es ist die rationalste Form der Barbarei, die ich kenne.
Ich habe einen Koffer unter dem Schreibtisch. Nicht für mich. Für alle, die bald keinen Ausweg mehr haben.