Wer bleibt, wenn die Bundeswehr geht?
Die Panzer rollen zurück. Die Bundeswehr verlässt den Sahel – Nigerias Weigerung, deutschen Soldaten strafrechtliche Immunität zu gewähren, macht den Abzug offiziell. Was bleibt, ist eine Frage, die in Berlin niemand laut stellt: Wer hält jetzt noch die Stellung?
Ich habe mit Frauen gesprochen, die in Dörfern zwischen Niamey und der burkinischen Grenze Schulen betreiben – ohne Soldaten, ohne Flagge, ohne Schutz. Lokale NGOs, die sich um die Ursachen kümmern: Armut, staatliche Vernachlässigung, Jugend ohne Perspektive. Während die Bundeswehr ihre letzte Operationsbasis verliert, arbeiten diese Strukturen weiter. Leise. Unterfinanziert. Systematisch ignoriert von jenen, die in Brüssel und Berlin Strategiepapiere verfassen.
Die Faktenlage ist eindeutig: Militärische Ansätze haben die dschihadistischen Gruppen in Westafrika nicht geschwächt. Was sie geschwächt hätte – regionale Kooperation über die Schützengräben hinaus, ECOWAS als wirtschaftlicher Stabilisator, faire Handelsbedingungen, Entwicklungszusammenarbeit, die den Namen verdient –, wird seit Jahren angekündigt und nicht geliefert. Die EU muss ihre Sahel-Strategie dringend überarbeiten, heißt es. Seit wann? Seit wann genau?
Und während Europa debattiert, rückt Russland nach. Die strategischen Nachteile durch den Verlust der letzten Operationsbasis sind kein Geheimnis – nur eines, über das geschwiegen wird. Es profitieren die, die ohnehin wollen, dass der Sahel ein schwarzes Loch auf der Karte bleibt. Es profitieren Waffenlieferanten, die nun neue Kunden finden. Es verliert, wer immer schon am meisten verloren hat: die Bevölkerung.
Sicherheitsrisiken sind kein Argument gegen Investitionen – sie sind das Ergebnis unterlassener Investitionen. ECOWAS könnte wirtschaftliche Transformation fördern, doch politische Spannungen und schwache Infrastruktur lähmen den Verbund. Unklar bleibt, wer in Abuja, in Niamey, in Berlin blockiert. Unklar bleibt, warum lokale NGOs, die nachweislich stabilisieren, nicht zum Rückgrat der europäischen Sahel-Strategie gemacht werden.
Mein Koffer steht unter dem Schreibtisch. Nicht für mich – für die Frage, wie lange Europa noch wegschauen kann, bevor die Stille selbst zur Waffe wird.