Algorithmen kennen Ihr Gesicht — und Ihr Schweigen
Die Drähte summen. Was ich höre, klingt wie das Ticken einer Zeitbombe.
Biometrische Software liest Gesichter. Nicht grob, nicht nach Schablone — mit künstlichen neuronalen Netzen, die Millionen Parameter justieren und aus einem Foto ein Raster machen: Augenabstand, Wangenknochen, Nasenflügel. Was der Mensch als Wiedererkennen kennt, ist für die Maschine Vektorrechnung. Effektiv. Und genau deshalb gefährlich.
Amazon wurde mit einer hohen Geldstrafe belegt, weil es Nutzerdaten ohne Einwilligung verfolgte. Die Botschaft: Wer nicht fragt, zahlt. Doch wer zahlt wirklich? Meta bekam die bisher höchste DSGVO-Geldstrafe der Geschichte: 1,2 Milliarden Euro. Grund: Daten landeten in den USA, obwohl der EuGH in der Schrems-II-Entscheidung genau das untersagt hat. 1,2 Milliarden sind kein Versehen. Das ist ein Geschäftsmodell mit kalkuliertem Risiko.
Die Polizei nutzt dieselben Netze. Effektiv, heißt es. Kontrovers, sage ich. Denn wer im Raster ist, bleibt im Raster — einmal erfasst, schwer zu löschen. Ein deutsches Gericht kann zuständig sein, wenn die Tat hier geschieht: Ansprüche auf Löschung, auf Schadenersatz. Thomas Hoeren sieht Chancen, warnt aber: Internationales Recht ist Nebel, in dem Konzerne sich wohlfühlen.
Offen bleibt, wer eigentlich profitiert. Nicht der Nutzer, dessen Antlitz vermessen wird. Nicht der Bürger, dessen Foto zum Trainingsmaterial wird. Die Plattformen sammeln, was wir freiwillig hochladen — Gesichter, Leben, Kontext — und verkaufen daraus Aufmerksamkeit, Profile, Vorhersagen. Transparenz ist das Lieblingswort der Branche, solange es nichts kostet.
Die Kontrolle über die eigenen Daten gehört dorthin, wo die Daten herkommen: zu Ihnen. Nicht in ausländische Serverräume. Nicht in polizeiliche Datenbanken ohne Richtervorbehalt.