Amyloid, Aktie, Aufsichtsrat
Irgendwo zwischen Labor und Bilanz sitzt jemand, der mit der Angst vor dem Vergessen ein Geschäft macht. Biogen hat gelernt, wie man aus widersprüchlichen Daten eine Zulassung strickt – und aus einer Zulassung einen Milliardenmarkt. Aducanumab, der erste Versuch, endete im Fiasko. Zwei Phase-III-Studien lieferten Ergebnisse, die sich widersprachen wie zwei Zeugenaussagen. Biogen argumentiert, Änderungen im Dosisschema und in der Patientenauswahl könnten die Resultate beeinflusst haben. Offizielle Lesart. Inoffizielle: Man hat weiterverkauft, was man nicht halten konnte.
Der zweite Versuch heißt Lecanemab. Die Zulassungsstudie Clarity AD litt unter methodischen Mängeln, die eine klare Bewertung des Zusatznutzens erschwerten. Das IQWiG kritisierte den Hersteller, weil er Langzeitdaten aus der offenen Verlängerungsphase der Studie nicht vorgelegt hat – ein Befund, der in Fachkreisen schwer wiegt. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat daraufhin keinen Zusatznutzen festgestellt. Übersetzt: Die Kasse zahlt nicht, der Nutzen ist nicht belegt.
Donanemab, der dritte Kandidat im Bunde, räumt β-Amyloid-Plaques ab und verzögert das Fortschreiten der Alzheimer-Demenz um einige Monate. Einige Monate. Die Wirksamkeit gilt als moderat. Schwerwiegende Nebenwirkungen wie ARIA – Amyloid-bedingte Bildgebungsanomalien – werfen Schatten auf den schmalen Gewinn. Wer dieses Risiko trägt, steht nicht im Beipackzettel, sondern im Kleingedruckten des Aufsichtsrats.
In Deutschland soll nun mehr geklärt werden – durch neue Vertragsmuster und Koordinierungsstellen für klinische Arzneimittelstudien. Das klingt nach Aufbruch. Es klingt auch nach Markt. Jedes neue Studienzentrum, jeder zusätzliche Proband ist ein Eintrag in einer Bilanz, die nicht mehr von Molekülen erzählt, sondern von Mehrwerten.
Offen bleibt, wer im Aufsichtsrat der Hersteller sitzt, wenn deutsche Stellen über Zusatznutzen entscheiden. Offen bleibt, warum Langzeitdaten zurückgehalten werden, die längst erhoben sind. Und offen bleibt die Frage, die kein Prüfbericht stellt: Wenn die Plaques schrumpfen, das Gedächtnis aber nur ein paar Monate länger hält – heilt das den Patienten oder die Bilanz?