Die neue Kreditmoral — wer den Score schreibt, schreibt das Geschäft
Die Erde hat Geduld. Jahrtausende hat sie Boden gebaut, Schicht um Schicht, niemand fragte. Jetzt fragt jemand. Die Sparkasse fragt. Die Frage geht tiefer als jeder Bohrkopf, den ich je in der Hand hielt.
Seit Brüssel die EBA-Leitlinien verschärft und der EU-Aktionsplan die Rolle des Finanzsektors neu sortiert, ist aus der Freiwilligkeit eine Architektur geworden. Drei Buchstaben: ESG. Ethik, weil die Politik es so will. Wirtschaftlich, weil Risiken auf Bilanzen landen. Regulatorisch, weil niemand mehr behaupten kann, er habe es nicht gewusst.
Die Sparkassen nutzen den S-ESG-Score, um zu entscheiden, wer günstiger bekommt und wer teurer zahlt. Nachhaltige Investitionen werden belohnt. Wer seinen Transformationsbedarf nicht benennt, zahlt drauf. Klingt sauber. Ist es auch. Aber sauber ist nicht immer ehrlich.
Creditreform liefert den Zahlenkörper. Über drei Millionen Unternehmen in Deutschland werden klassifiziert, übersetzt in eine Sprache, die der Kreditberater lesen kann. Was früher Bauchgefühl war, ist jetzt Algorithmus. Wo Algorithmus waltet, fragt der Ermittler zwei Dinge: Wer füttert ihn? Wer liest ihn — und wer schweigt über das, was er nicht liest?
Die Beratung, heißt es, müsse sich strategisch anpassen. Sie wird neu erfunden. Der Kunde kommt mit seinem Geschäftsmodell, die Bank antwortet mit einer Note, die seine Seele wiegt: Umwelt, Soziales, Unternehmensführung. Daraus wird ein Zins. Daraus wird ein Schicksal.
Drei Gründe werden genannt. Regulatorisch. Ethisch. Wirtschaftlich. Die ersten klingen nach Moral, der dritte nach Bilanz. Offen bleibt, welche Lieferketten wirklich geprüft und welche nur durchgewunken werden. Welche Nachhaltigkeitsrisiken im Portfolio erkannt werden und welche nur im Hochglanzbericht stehen.
Die Erde schreibt mit. Ich übersetze. Zahlen lügen — Erde nicht.