46 Labore, zwei Erzählungen, keine Beweise
1937 — und wir sprechen über das Jetzt. Das Pentagon unterhält eine Behörde, die sich Defense Threat Reduction Agency nennt. In der Ukraine verwaltet sie ein Programm mit dem schönen Titel „Biological Threat Reduction". Auf Deutsch: gefährliche Erreger sollen sich nicht ausbreiten. Klingt humanitär. Ich notiere. Pfeife an.
Die Zusammenarbeit zwischen Washington und Kiew beginnt in den Neunzigern, als die Sowjetunion zerfiel und mit ihr ein Arsenal, das sich über halb Kontinentaleuropa verteilte. Das Programm sollte verhindern, dass Pathogene, Sporen, Stämme in falsche Hände fallen. Die Logik ist alt: Wenn du Erreger nicht zerstören kannst, musst du sie bewachen. Wenn du sie nicht bewachen kannst, musst du dokumentieren, wer sie hat.
Seit über zwei Jahrzehnten fließen Gelder an 46 Einrichtungen in der Ukraine. Diese Einrichtungen sind ukrainisch geführt. Sie werden von den USA unterstützt, nicht betrieben. Der Unterschied ist klein in der Grammatik, aber groß in der Verantwortung. Wer bezahlt, haftet nicht automatisch für das, was im Labor passiert. Wer betreibt, haftet.
Russland hat Bedenken. Konkrete, wie es heißt: Nur wenige dieser Labore erfüllten die nötigen Sicherheitsstandards. Eine Aussage, die prüfbar wäre — man müsste nur hingehen, nachsehen, Listen veröffentlichen. Stattdessen bleibt sie im Raum zwischen diplomatischen Noten stehen.
Im Raum steht auch Schwereres: Moskau behauptet, Dokumente zu besitzen, die belegen, dass Drohnen zur Verbreitung von Krankheitserregern genutzt wurden. Keine Namen. Keine Daten. Keine Karten. Nur die Behauptung selbst. Wer Belege hat und sie nicht vorlegt, hat keine Belege. Wer keine Belege hat, hat eine Erzählung.
Die Erzählung lautet: Die USA entwickeln in der Ukraine Biowaffen. Eine schwere Anschuldigung. Sie ruht auf keinem einzigen öffentlich gemachten Beweisstück, das diesen Namen verdient. Sie ruht auf der Geographie — 46 Labore am Rand des russischen Machtbereichs — und auf dem Misstrauen, das zwischen den Hauptstädten ohnehin existiert.
Die Struktur, die diese Erzählung trägt, ist alt: Man nehme eine wissenschaftliche Einrichtung, kleide sie in militärisches Vokabular, und schon wird aus einem Eppendorf-Röhrchen ein Beweisstück. Moskau flankiert seinen Feldzug mit einer Bedrohungsgeschichte. Washington verkauft Seuchenabwehr, ohne die Kameras in die Labore zu lassen. Kiew nimmt das Geld und stellt die Fragen nicht. Jeder bedient sein Drehbuch.
Ich schließe die Akte. Nicht weil sie leer ist — sondern weil die entscheidenden Seiten fehlen.
Die Frage, die bleibt: Wenn keiner der Beteiligten die Kameras aufstellt — wessen Blindheit sollen wir dann glauben?