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Der Kollege, der keine Akte hat

10. Juli 2026 — — — Kastner

Der neue Mitarbeiter hat keinen Namen. Er hat keine Akte, keinen Ausweis, keine Papiere. Er wurde eingestellt — und niemand hat den Vertrag gelesen.

In den Vorstandsetagen, zwischen Chrom und Art-Déco-Lampen, sitzt ein Phantom an Besprechungstischen. Es formuliert, es optimiert, es lächelt — auf seine Art. Es trinkt keinen Kaffee. Das, so sagen die Herren in den grauen Anzügen, sei seine Stärke.

93 Prozent der Unternehmen, so steht es in den Protokollen der Gegenwart, untersuchen oder betreiben bereits generative Intelligenz. Eine Zahl wie eine Kriegserklärung an die Vernunft — und niemand fragt, wer die Rechnung bezahlt. Die Kosten, heißt es, seien überschaubar. Das ist eine höfliche Lüge.

Denn während diese Maschinen Memos schreiben und Kunden höflich antworten, atmen sie. Sie atmen Kohlendioxid. Sie trinken Wasser in Mengen, die einem mittleren Industriestandort zur Ehre gereichen würden. Während die künstliche Intelligenz in einigen Bereichen zur Bekämpfung der Klimakrise beitragen könnte, verschärft die generative Variante das Problem — signifikant mehr Emissionen, signifikant mehr Wasserverbrauch als andere digitale Anwendungen. Eine Dialektik, die selbst Hegel die Stirn gerunzelt hätte.

Und die Governance? Die Richtlinien, die Kontrolle, die Buchführung? Sie existieren — auf dem Papier. In den Schubladen der Rechtsabteilungen, in Präsentationen, die niemand mehr öffnet. Man hat sie eingeführt wie einen Diener, der nie vorgestellt wurde. Man hat sie unterzeichnet wie Verträge in Genf, mit demselben Lächeln, mit derselben Absicht: dass sie nie geprüft werden.

Während die Welt draußen brennt, während das Klima kippt und die Maschinen immer lauter werden, sitzen wir in unseren schönen Büros und nennen es Fortschritt. Wir nennen es Transformation. Wir nennen es Teamarbeit.

Wir nennen es das, was wir seit jeher genannt haben: Fortschritt für die einen, Rechnung für die anderen.

Wer profitiert? Die, die die Maschinen verkaufen. Die, die sie einsetzen, ohne zu fragen. Die, die das Vertrauen einfordern und die Prüfung verweigern.

Wer verschweigt? Alle anderen.

Und die offene Frage bleibt: Wenn 93 Prozent eine Technologie nutzen, die sie nicht verstehen, deren ökologischen Preis sie nicht beziffern, deren Governance sie nicht durchsetzen — wer haftet, wenn der neue Kollege eines Morgens nicht mehr antwortet?

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