FÜNFZIG MILLIONEN ALS ALIBI
Berlin kündigt fünfzig Millionen Euro humanitäre Hilfe für den Gazastreifen an. Schön. Mitgefühl lässt sich gut budgetieren.
Ich habe über zwei Kriege hinweg gelernt, eine Zahl zu lesen, bevor sie mich mitfühlen lässt. Fünfzig Millionen. Eine plausible Spende, ein kontrollierbarer Betrag. Interessant wird es, wenn man fragt: Welche anderen Summen aus demselben Politikbetrieb bleiben unangetastet? Welche Verträge, welche Lieferungen, welche bilanziellen Posten? Die humanitäre Geste wächst; der militärische Rahmen bleibt.
Das Welt-Ernährungsprogramm sagt es ohne Umschweife: Ohne Waffenstillstand erreicht humanitäre Hilfe nichts. Die Bundesregierung erhöht die Summe und schweigt über die Bedingung, die sie erst wirksam machte. Das ist keine Großzügigkeit. Das ist Pressearbeit mit Quittung.
Die Schriftstellerin Adania Shibli hat das Muster benannt. Sie verbindet persönliche und historische Erzählungen, um das Leid der Zivilbevölkerung sichtbar zu machen — gegen jene Sprache, die Krieg als Nebensache verwaltet. Auch hier wird der Zivilist zur Rechengröße. Berlin legt eine Summe auf den Tisch, benennt die Empfänger und verschweigt die Voraussetzungen, unter denen diese Summe jemals ankommt.
Fünfzig Millionen kaufen drei Dinge. Eine Schlagzeile. Die Fortsetzung der bisherigen politischen Linie ohne Unterbrechung. Das beruhigte Gewissen der Geber, die weiter liefern können, was den Hunger erzeugt. Profitieren werden nicht die Familien unter Trümmern. Profitieren werden Regierungen, die ihren Einsatz humanitär nennen, während das Militärgeschäft weiterläuft. Unklar bleibt, wer in Berlin diesen Spagat bilanziert.
Shibli nennt es die Kälte, die Krieg in Verwaltung verpackt. Ich nenne es das Geschäftsmodell hinter der Geste. Fünfzig Millionen sind kein Akt der Nächstenliebe. Sie sind eine Eintrittskarte in ein Gespräch, das weitergehen darf wie bisher.