Die Opposition, die das Haus stützt
Man muss den Männern in Genf eines zugutehalten: Sie verneigen sich nicht. Sie lächeln, sie unterzeichnen, sie sprechen von einer neuen Weltordnung – und am nächsten Morgen fliegt das Geld dorthin, wo es gestern schon war. Die BRICS, dieses Bündnis aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, neuestens erweitert zu BRICS+, haben sich vorgenommen, die globale Machtstruktur zu verändern und die Vorherrschaft des Dollars zu verringern. Das ist ihr erklärtes Ziel. Man schreibt es auf Fahnen, man redet davon auf Gipfeln, man zitiert es in Kommuniqués. Nur: Wer genau hinsieht, erkennt, dass dieselben Akteure durch ihr Handeln genau jene Ordnung stützen, die sie öffentlich kritisieren. Das ist kein Zufall. Das ist Architektur.
Die inneren Ungleichgewichte sind kein Gerücht, sie sind das Fundament, auf dem alles steht. Brasilien steuert mit Zinspolitik und stabiler Inflation eine positive Wirtschaftslage an, Russland dagegen hängt wie ein Ertrinkender am Schlauch der Öl- und Gaspreise – jeder Markteinbruch eine Kerbe im eigenen Rücken. Man kann nicht gleichzeitig gegen den Westen sein und von seinen Rohstoffen zehren. Man kann es versuchen, aber die Bilanz lügt nicht, sie hat noch nie gelogen.
Und dann die Zahlen, die jeder kennt und niemand ausspricht: Schwellenländer haben die Krise besser gemeistert als entwickelte Märkte, mit erwarteten Wachstumsraten von acht Prozent in China und sechs Prozent in Indien für das Jahr 2009. Acht Prozent, während der Westen sich die Zähren abwischt. Das ist nicht Schwäche des Westens allein, das ist der Sog der anderen Hälfte. BRICS+ vereint eine bedeutende Bevölkerung und Ressourcen, strategischen Einfluss besonders im Bereich der grünen Technologie – dem neuen Öl dieses Jahrhunderts.
Aber – und hier wird es still im Saal – trotz gemeinsamer Ziele gibt es Unterschiede in den individuellen geopolitischen Zielen der Mitglieder. Es gibt politische Spannungen, die tiefer liegen als jede Pressekonferenz sie zugeben würde. Und doch: funktionale Kooperation gelingt, ähnlich wie in der EU. Auch dort wurde mehr gestritten als geeint, und die Räder drehten sich weiter. Die Maschine läuft. Wer kontrolliert sie?
Unklar bleibt, wer in diesem Konzert den Taktstock führt – Peking, das seine Finger in jeden Pakt legt, oder die kleine Gruppe derer, die das Klangbild nur dekorieren. Klar ist hingegen dies: Wer heute die bestehende Ordnung kritisiert und morgen in ihr Geschäfte macht, verrät keine Revolution. Er bestätigt das System. Handschuhe an, Dame. Handschuhe an.