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Das Gras, das niemand gesät hat

10. Juli 2026 — — — Kastner

Manche Wiesen sehen grün aus, obwohl kein Samen in der Erde liegt. Astroturfing nennt sich die Praxis – Kunstgras statt Wurzelwerk. Sie nutzt soziale Medien und Bots, um den Anschein von Basisunterstützung zu erzeugen und öffentliche Meinungen zu beeinflussen, während im Hintergrund Aufträge verteilt, Konten gefüllt und Algorithmen gefüttert werden. Wer profitiert? Die Auftraggeber, die nie genannt werden. Wer verschweigt? Die Plattformen, die vom Lärm leben.

Die Folgen sind weitreichend. Manipulation von Online-Bewertungen, Verbreitung von Fehlinformationen, Inszenierung von Zustimmung. Gekaufte Demonstrationen und inszenierte Talkshows – bezahlte Teilnehmer, gezielte Inszenierungen –, sie steuern die öffentliche Wahrnehmung, als lenke man Scheinwerfer. Astroturfing erzeugt den Anschein breiter Zustimmung und delegitimiert Opposition, nicht durch Argumente, sondern durch den schieren Anschein von Mehrheit.

Es ist Wahljahr. Anton Hofreiter sieht die Europawahl als entscheidend an, angesichts der Bedrohung durch rechtspopulistische und rechtsradikale Kräfte. Eine berechtigte Warnung. Doch wer die Methoden benennt, sollte auch fragen, wer sie anwendet. Denn die Werkzeuge sind parteipolitisch neutral verfügbar. Man kann sie kaufen, mieten, lizensieren wie Bühnenbau.

Parallel verhandelt die Europäische Union andere Gewichte. Das Parlament hat den Green Deal vorangetrieben und den Schutz der Rechtsstaatlichkeit. Die Partnerschaft mit dem Europäischen Investitionsfonds soll die Investitionslandschaft für Verteidigung und Sicherheit stärken. Der Nato-Innovationsfonds stellt über fünfzehn Jahre eine Milliarde Euro für Start-ups in der Verteidigungsbranche bereit. Das sind die sichtbaren Züge, in Protokollen notiert. Die unsichtbaren geschehen in den Kommentarspalten, in algorithmischen Zwischenräumen, in gemietetem Applaus.

Was bleibt offen? Unklar ist, in welchem Umfang gekaufte Demonstrationen und inszenierte Talkshows derzeit systematisch eingesetzt werden. Die Struktur jedoch, die sie ermöglicht, ist benannt: Kapital, das fließen kann ohne Spuren; Plattformen, die Reichweite verkaufen statt Wahrheit; ein Publikum, das glaubt, was es sieht, weil das Sehen längst inszeniert ist.

In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Die Handschuhe, die ich heute trage, schützen nicht vor Kälte – sie erinnern mich daran, dass man Sauberkeit vortäuschen kann. Auch im Digitalen. Gerade dort.

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