Resolution, Enthaltung, Wahrheit: Wer profitiert vom Schweigen?
Die Überschrift aus Washington: Die Hamas untergrabe diplomatische Bemühungen, weil sie auf Garantien für ein Kriegsende besteht. Schön. Wer blockiert hier wen, frage ich mich nach zwanzig Jahren in Uniform und dreißig am Schreibtisch. Die Überschrift sagt: Hamas. Die Akten sagen: andere.
Washington legt Resolutionen im UN-Sicherheitsrat auf, die eine Waffenruhe und humanitäre Hilfe für den Gazastreifen fordern. „Unseriös", lautet das Verdikt aus dem State Department. Das Wort ist immer dann am lautesten, wenn man keine eigene Position liefern will. Eine Resolution ist Ihnen zu weich? Dann legen Sie eine vor. Sind Sie zu feige? Dann sagen Sie es ehrlich.
Die Resolution will zweierlei: humanitäre Hilfe ermöglichen und den Waffenschmuggel durch einen UN-Koordinator kontrollieren. Das ist keine Utopie. Das ist Standardprozedur in jedem Konfliktgebiet, das ich gesehen habe. Wer hier blockiert, will beides verhindern: die Lieferung und die Kontrolle. Beides passt nicht in den Plan.
Dann die Enthaltungen. Die USA und Russland — seltene Bettgenossen — enthalten sich gleichzeitig, um den Wortlaut zu beeinflussen. Das riecht nicht nach Gemeinsamkeit, das riecht nach Arbeitsteilung. Wer den Text aufweicht, schafft Hintertüren. Deutschland und weitere europäische Länder enthalten sich, weil die Resolution „nicht ausgewogen" sei. Das diplomatische Wort für: Wir wollen auf keiner Seite verprellt werden — schon gar nicht von Washington.
Die Resolution verurteilt Gewaltakte gegen Zivilisten, ohne die Hamas namentlich zu erwähnen. Das ist der Bruch. Wer Namen streicht, schützt Akteure. Die Reaktionen fallen entsprechend gespalten aus.
Die Zahlen: erhebliche zivile Opfer auf beiden Seiten, die Toten im Gazastreifen übersteigen die israelischen Zahlen um ein Vielfaches. Diese Angaben sind nicht unabhängig verifizierbar. Wir zählen, aber wir wissen nicht genau, was wir zählen. Das ist die zweite Schicht der Verschleierung.
Wer profitiert? Nicht die Familien unter den Trümmern von Gaza. Nicht die hungernden Kinder, deren Bilder ich nicht mehr beschreiben mag und trotzdem ansehe. Profitieren tun die Lieferketten, die Wiederaufbau-Kontrakte, die Verantwortungslosen.
Die offene Frage: Welche Garantie für ein Kriegsende ist Washington bereit zu geben — und an wen genau? Solange das unbeantwortet bleibt, ist jeder Vorwurf an die Hamas auch das Selbstporträt jener, die jede Waffenruhe als „unseriös" abtun, während sie Verhandlungen anmahnen. Das ist kein Verhandeln. Das ist Stellungskrieg im Sitzungssaal.
Die Wahrheit liegt in den Enthaltungen. Immer.