Die Kette, die wir schmieden
Brüssel nennt es Kooperation. Tripolis nennt es Pflicht. Ich nenne es Kette.
Die libysche Küstenwache greift zivile Rettungsschiffe an. Sie tut es mit Booten, die wir bezahlt haben. Mit Ausbildung, die wir bezahlt haben. Mit Kohäsionsmitteln, die wir bezahlt haben — Gelder, gedacht für Zusammenhalt, umgeleitet in Gewalt.
Operation SOPHIA hat Schleuser festgenommen. Hat Leben gerettet. Auf dem Papier eine Bilanz. Auf dem Wasser eine andere: dieselbe Küstenwache, die heute Boote entert, ist ausgebildet im SOPHIA-Schatten.
Die Sea-Watch 5 fährt unter deutscher Flagge. Berlin spricht von Werten. Diplomatische Konsequenzen? Ich suche sie. Ich finde Erklärungen. Ich finde keine Taten.
Wer profitiert? Unklar bleibt, wer in Tripolis von jedem zurückgedrängten Boot profitiert. Klar ist: nicht die Menschen im Wasser. Klar ist die Struktur. Die EU finanziert. Die EU trainiert. Die Küstenwache vollstreckt. Die Boote verschwinden. Die Zahlen bleiben — und die Verantwortung verschwimmt.
Die Gewalt ist belegt. Die Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Die EU setzt ihre Unterstützung fort. Das ist kein Versehen. Das ist eine Linie.
Mein Koffer unter dem Schreibtisch ist klein. Er ist gepackt. Für alle Fälle, in denen Europa vergisst, dass hinter jeder Zahl ein Name steht. Hinter jedem Angriff auf ein Rettungsschiff. Hinter jeder Fahrt über das Meer. Hinter jeder Schweigeminute in Brüssel.
Wir zählen. Wir schreiben auf. Wir vergessen nicht.