Hamm spricht Recht: RWE steht in der Pflicht
Ich habe Pumpen repariert in Texas. Ich habe gesehen, wie ein Konzern ein ganzes Tal leersaugt, die Arbeiter entlässt und die Stadt als ausgedörrtes Etwas zurücklässt. Deshalb weiß ich: Die Rechnung kommt. Nicht heute. Nicht morgen. Aber sie kommt.
In Hamm hat sie begonnen.
Das Oberlandesgericht hat entschieden — zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte — dass ein Unternehmen für Klimaschäden haftbar gemacht werden kann. Im konkreten Fall geht es um RWE. Um einen Bauern aus Peru, Saúl Luciano Lliuya, dessen Haus am Hang eines Gletschersees steht. Um die Frage, ob ein Energiekonzern, der seit Jahrzehnten Kohle verbrennt, dafür geradestehen muss, wenn das Wasser steigt.
RWE argumentiert: keine rechtliche Grundlage. Zu viele Emittenten auf der Welt. Wie soll man einem einzelnen die Schuld zuweisen, wenn die halbe Menschheit raucht?
Das Gericht sagt trotzdem: Ihr seid dran.
Das ist der Punkt. RWE gehört zu den sogenannten Carbon Majors. Zusammen mit Heidelberg Materials und einer Handvoll anderer Konzerne verantworten sie einen erheblichen Anteil der weltweiten industriellen Treibhausgasemissionen. Das steht in ihren eigenen Berichten. Die Männer in den Vorständen wissen das. Sie wissen es seit Jahrzehnten — und sie wissen, was es kostet, wenn diese Zahlen vor Gericht landen.
Was hier passiert, ist mehr als ein Urteil. Es ist ein Präzedenzfall mit Signalwirkung. Es öffnet die Tür, große Emittenten juristisch zur Verantwortung zu ziehen — nicht politisch, nicht moralisch. Mit Kosten. Mit Konsequenzen.
Ja, das Gericht sagt auch: Eine individuelle Zuordnung sei bei vielen CO₂-Emittenten unmöglich. Das klingt nach Schlupfloch für RWE. Ist es nicht. Denn die Beweislast verschiebt sich. Die Richtung stimmt. Das ist der Anfang, nicht das Ende.
Wer profitiert vom alten Zustand? Die Konzerne, die sich hinter dem Argument verstecken, Klimaschäden seien ein diffuses „globales Problem" ohne fassbare Verursacher. Wer verschweigt was? Dieselben Vorstände, die in ihren Nachhaltigkeitsberichten Sätze drucken lassen wie „Wir nehmen unsere Verantwortung ernst" und gleichzeitig vor Gericht jede Haftung ablehnen.
Unklar bleibt, wie schnell weitere Klagen folgen. Unklar bleibt, ob andere Gerichte in Europa dem Urteil folgen werden. Klar ist: Der Hahn ist aufgedreht. Und diesmal dreht ihn nicht die Bohranlage. Diesmal dreht ihn das Recht.