Gelöscht wird, was stört
In der Datenbank der Europäischen Arzneimittel-Agentur verschwinden Meldungen. Sogenannte Duplikate, sagt die EMA. Rückzüge. Bürokratie. Niemand stirbt durch eine Löschung. So die offizielle Lesart.
Doch wer in EudraVigilance zählt, was fehlt, stößt auf eine andere Zahl: Ein signifikanter Anteil der gelöschten Reports betrifft Todesfälle, lebensbedrohliche Zustände und schwere Nebenwirkungen. Das passt nicht zur Erklärung der Behörde. Es passt zu einer anderen.
Die Pharmaindustrie lebt vom Vertrauen. Die EMA lebt vom Vertrauen in die Pharmaindustrie. Beide Seiten sitzen in Aufsichtsräten, wechseln Personal, beraten sich in Arbeitsgruppen. Was in dieser Konstellation keinen Platz hat, ist ein Datensatz, der stört. Also wird er gelöscht — nicht zensiert, operativ entfernt, im Sammeltopf der Duplikate.
Die Wissenschaft sagt: Aluminiumhaltige Adjuvanzien sind sicher, gut untersucht, sie verstärken die Immunantwort ohne neurologische Schäden. Thiomersal ist in der EU ohnehin fast verschwunden, nur noch in wenigen Influenza-Vakzinen. Die große dänische Kohortenstudie hat keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gefunden. Wer das Gegenteil behauptet, hat die Studie nicht gelesen oder will sie nicht lesen.
Aber es gibt ein reales Signal: die Thrombose mit Thrombozytopenie nach bestimmten Impfstoffen, immunologisch, ähnlich der heparininduzierten Thrombozytopenie. Das ist keine Verschwörung, das ist Hämatologie. Wer hingegen aus jeder Roh-Meldung in EudraVigilance einen Impftoten konstruiert — ohne Kausalität, ohne Autopsie, ohne Vergleichsgruppe — betreibt das Geschäft mit der Angst.
Die EMA sieht den Nutzen weiterhin als überwiegend an. Die STIKO differenziert nach Alter, Impfstoff, Exposition. Beides ist messbar. Beides ist überprüfbar. Was sich nicht überprüfen lässt, ist eine Datenbank, in der Akten verschwinden, ohne dass die Begründung standhält.
Unklar bleibt, wer konkret entscheidet, welcher Report gelöscht wird. Unklar bleibt, ob interne Audits je geprüft haben, ob die Löschquote bei schweren Fällen der Duplikatquote entspricht. Unklar bleibt vor allem, wem die Löschung nützt: dem Patienten, der Behörde oder dem Hersteller.
Eine gelöschte Meldung ist beides. Eine Information, die verschwindet. Und eine Frage, die bleibt.